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Fehler vermeiden mit Behavioral Finance

30. April 2020

Lesezeit: 7 Minuten

von Tim Cooper, Gastautor

Behavioral Finance

Fehler beim Investieren können ins Geld gehen. Die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie zeigt, wie geschickte Investoren die Fehler von anderen Anlegern ausnutzen können. 

Nobelpreisträger wie Richard Thaler und Daniel Kahneman haben gezeigt, dass die Investitionsentscheide der meisten Menschen von tief verwurzelten Verhaltensmustern und Emotionen beeinflusst werden. Hierzu gehören unter anderem Gier, Angst und übermäßiges Selbstvertrauen. Die daraus resultierenden Fehlentscheide kosten den durchschnittlichen Anleger laut Studien zwischen ein und vier Prozent Rendite pro Jahr. Die mag nach wenig klingen, aber in den 20 bis 40 Jahren, in denen man beispielsweise für den Ruhestand spart, kann sich das gravierend auswirken.

Ein Rechenbeispiel zeigt, wie sich solche Verhaltensfehler über längere Zeiträume auswirken können: Bei einer Investition von 100'000 Euro und jährlichen Fehlerkosten von einem Prozent über 25 Jahre, kostet dies einen Investor 85'000 Euro. Bei einem Minus von zwei Prozent infolge unüberlegter Entscheide beträgt die Differenz sogar 191'000 Euro.

Ein konkretes Beispiel lieferte die Finanzkrise 2009. Viele Investoren wurden auf dem Höhepunkt des Abschwungs von einer irrationalen Angst ergriffen und verkauften ihre Aktien. Wer dies auf dem Tiefpunkt im März 2009 getan hat und dem Aktienmarkt definitiv den Rücken zuwendete, verpasste in den folgenden zehn Jahren einen Börsenaufschwung von rund 60 Prozent.

Typische Anlegerfehler

Viele Anleger überschätzen ihre Fähigkeit
Viele Anleger überschätzen ihre Fähigkeit

Investoren sind sich meist nicht bewusst, welche Fehler sie begehen. Wer beispielsweise einen Fond kauft, der anschliessend besonders gut abschneidet, denkt vielleicht, es liege an seinen besonderen Auswahlfähigkeiten – auch wenn er vielleicht nur Glückgehabt hat. Die resultierende Überheblichkeit könnte ihn dazu ermutigen, beim nächsten Mal zu viele Risiken einzugehen.

Umgekehrt kann jemand nach einem Misserfolg auch zu risikoscheu werden. Studien zeigen, dass die meisten Menschen den Schmerz über einen Kapitalverlust doppelt so stark empfinden, wie die Freude über einen Kapitalgewinn. Das führt dazu, dass sie Investitionen in risikoreiche Anlagen wie Aktien ganz vermeiden, obwohl es eindeutige Belege dafür gibt, dass Aktien langfristig höhere Renditen abwerfen als andere Anlageformen.

Ein weiterer schwerwiegender Fehler ist das sogenannte Sequenzierungsrisiko. Dieses tritt dann ein, wenn ein Anleger seine risikoreichen Anlagen bis zu demjenigen Zeitpunkt behält, wo er auf Liquidität angewiesen ist, beispielsweise nach der Pensionierung. Wenn ein solcher Anleger kurz vor dem Ruhestand von einem Börsencrash getroffen wird, kann das für ihn verheerend sein.

Kurzfristige Sichtweise

Bestseller der Verhaltensökonomie
Bestseller der Verhaltensökonomie

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman schreibt in seinem Buch «Schnelles Denken, langsames Denken», dass psychologische Vorurteile schwer zu überwinden sind, da sie sich über tausende Jahre entwickelt haben. Viele der Vorurteile seien auf die menschliche Neigung zurückzuführen, nach Mustern zu suchen. Doch was für unsere Vorfahren bei der Jagd überlebensnotwendig war, kann bei einer komplexen Entscheidung wie dem Investieren unter Umständen sehr kontraproduktiv sein.

Die Angewohnheit, nach Mustern zu suchen, um damit Zusammenhänge zu erklären, macht uns anfällig für Fehlentscheidungen. Ein einfaches Beispiel: Viele Anleger fixieren sich bei der Auswahl eines Portfoliomanagers stur auf die Drei- und Fünfjahres-Performance. Dies, obwohl Studien gezeigt haben, dass Portfoliomanager in der Regel viel länger brauchen, um zu beweisen, dass ihre Strategien wirklich funktionieren.

Verhaltensverzerrungen betreffen aber nicht nur Einzelpersonen – die Herdenmentalität führt oft dazu, dass sich ganze Aktienmärkte irrational verhalten, was zu übertriebenen Abstürzen wie während der Finanzkrise 2009 oder der Dotcom-Blase 2001 führt. Ein geschickter und disziplinierter Investor kann dies ausnutzen, in dem er verkauft, wenn die Menge gierig ist und blind zugreift. Auf der anderen Seite kann er billig Aktien in einem fallenden Markt zukaufen, wenn die Anlegerschar Angst hat.

Systematischer Ansatz

Um verhaltensgesteuerte Fehler zu vermeiden, ist es wichtig, beim Anlegen systematisch und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse vorzugehen. Dazu gehört beispielsweise die Diversifizierung über Sektoren, Anlageklassen, Anlagestile und Länder hinweg. Ein anderes wichtiges Prinzip ist es, langfristig zu investieren und die kurzfristigen Kursschwankungen zu ignorieren.

Wer sich unsicher fühlt, kann auch auf einen erfahrenen Portfoliomanager setzen, der sein Wissen über Behavorial Finance nutzt, um kognitive Fehler zu vermeiden oder sogar von irrationalen Marktbewegungen zu profitieren. Wer seine Anlageentscheide selbst trifft, kann versuchen, Anlegerfehler zu vermeiden, indem er sich mit Freunden, Kollegen oder Finanzberatern vor Entscheidungen austauscht. Ziel ist es stets, eine strukturierte und disziplinierte Strategie anzuwenden.

Wichtig ist, sich konsequent an die definierte Anlagestrategie zu halten. Dazu gehört auch das sogenannte Rebalancing, das heisst beispielsweise, den Aktienanteil wieder auf die von der Anlagestrategie definierte Bandbreite aufzustocken, wenn dieser Anteil aufgrund von starken Kursverlusten unterschritten wurde.  Ein weiterer Ansatz ist es, das eigene Portfolio nur einmal im Jahr zu überprüfen. Meist wird man dann positive Entwicklungen feststellen und vermeidet, sich allzu oft mit kurzfristigen Einbrüchen zu beschäftigen, die irrationale Reaktionen auslösen können.

Um das oben erwähnte Sequenzierungsrisiko zu umgehen, sollte ein Anleger frühzeitig von Aktien in risikoärmere Anleihen oder Bargeld wechselt, bevor er einen grösseren Liquiditätsbedarf hat oder in Pension geht. Hierzu empfiehlt es sich, einen Finanzplaner beizuziehen. 

Erkennen von Anomalien

Erfahrene Investoren verfügen über weitere Möglichkeiten, ihre Entscheidungsprozesse zu verbessern. Eine bewährte Strategie besteht darin, durch konsequent befolgte Regeln die Rolle von Emotionen zu reduzieren. Eine solche Regel könnte lauten, eine Aktie immer dann zu verkaufen, wenn sie um 10 Prozent gestiegen ist. Ein Nachteil ist, dass dieser Ansatz schmerzhaft sein kann, wenn die Märkte nach dem Verkauf weiterhin stark ansteigen. Bei all diesen Ansätzen kann die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Berater oder Anlageexperten hilfreich sein. Aber bereits die Erkenntnis, dass kognitive Verzerrungen existieren und das Wissen darum, wie man darauf reagieren sollte, sind wertvoll auf dem Weg zu rationaleren und rentableren Investitionen.

Die LGT und Behavioral Finance

Im Investmentprozess von LGT Capital Partners spielen die Erkenntnisse der Behavioral Finance eine zentrale Rolle. Ihr Einfluss geht deutlich über die oben geschilderten Aspekte hinaus.

Grundsätze in Kürze:

  • Ungewissheit führt zu Meinungsvielfalt und Kommunikation
  • Kommunikation beeinflusst Meinungen
  • Ein Trend ist die schrittweise Akzeptanz einer neuen Vision
  • Eine Gleichschaltung der Meinungen führt zu Fehlbewertungen
  • Fehlbewertungen führen zu Trendwenden

Grundregeln:

  • Kaufe Trends, solange sie umstritten sind
  • Verkaufe Trends, sobald sie Konsens sind

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