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Nach Covid: Wie man kognitive Fehler vermeidet

15. Juli 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Tim Cooper, Gastautor

Kognitive Anlegerfehler

Die Covid-Pandemie hat Wissenschaftlern weitere Einblicke in die Verhaltensfehler gegeben, die Investoren während Finanzkrisen und Blasen machen, aber auch, wie man diese vermeiden kann.

Von Februar bis April 2020 lösten Ängste über die Auswirkungen von Covid die schnellsten Markteinbrüche seit über einem Jahrhundert aus. Aber die Angst war nur von kurzer Dauer, und die anschliessende Erholung war historisch eine der schnellsten und stärksten, da die Anleger die steigenden Preise bis zu ihrem aktuellen überbewerteten Zustand hinaufdrückten.

Wie letztes Jahr in MagNet berichtet, zeigt sich ein erstaunliches Bild der kostspieligen Rolle menschlicher Fehler beim Investieren, insbesondere während Crashs und Blasen, wenn der Herdentrieb eine starke Rolle spielt.

Nobelpreisträger wie Richard Thaler und Daniel Kahneman haben gezeigt, dass die Investitionsentscheide der meisten Menschen von tief verwurzelten Verhaltensmustern bestimmt werden - wie Angst, Gier und Selbstüberschätzung. Diese Fehler kosten den durchschnittlichen Investor jährlich zwischen 1% und 4% an Rendite, und oft noch viel mehr während eines starken Einbruchs oder Aufschwungs. Umgekehrt können disziplinierte Investoren solche Fehler zu ihrem Vorteil nutzen.

Wie sich Anlegerfehler während Covid auswirkten

Die Ursache des letztjährigen Crashs unterscheidet sich von anderen Krisen, wie dem Tech-Crash von 1999 bis 2002 und der Kreditkrise von 2008 und 2009. Allen gemeinsam war die anfängliche Panik der Investoren, wobei die euphorische Erholung seit April 2020 ungewöhnlich schnell erfolgte.

Gemäss Hersh Shefrin, Professor für Finanzen an der kalifornischen Santa Clara University, bemühen sich nur sehr wenige Investoren, aufgrund der Cashflows und Gewinne der Unternehmen deren fundamentalen Aktienwerte zu ermitteln. Folglich werden die Marktpreise eher von der Stimmung der Investoren als von den Fundamentaldaten bestimmt.

Wenn also schlechte Nachrichten in den Schlagzeilen auftauchen, kommt es schnell zu Herdenpanik, verbunden mit Massenverkäufen und irrationalen Überreaktionen. Thomas Wille, Leiter Research und Strategie bei LGT, sagt: «Es scheint sich immer das gleiche Muster zu entwickeln: Letztes Jahr haben die Anleger panisch verkauft, als ob die Welt unterginge und die Aktienmärkte quasi auf Null sinken würden. Aber dann haben sie erkannt, dass Covid kurzfristig zwar eine erhebliche Bedrohung und Unsicherheit bedeutet, aber nicht ewig dauern wird.» Die sehr hohen Handelsvolumen in dieser Zeit würden zudem zeigen, dass Anleger fälschlicherweise glauben, durch Markttiming eine solche Entwicklung ausnutzen zu können.

Der Ökonom John Maynard Keynes sagte einmal, dass die Märkte länger irrational bleiben könne, als man liquide sei. Die Märkte können also länger unter- oder überbewertet bleiben, als der durchschnittliche Anleger dagegen wetten kann. Oft ist es besser, von der Seitenlinie aus abzuwarten. Bei der LGT haben wir nicht daran geglaubt, dass die Welt auseinanderbricht, weil sie das normalerweise nicht tut. Wir waren überrascht, wie schnell sich die Märkte erholten, aber das lag daran, dass die Zentralbanken Billionen von Dollar in die Märkte pumpten.

Dopamin kann Überbewertungen verursachen
Dopamin kann Überbewertungen verursachen (Bild: Shutterstock)

Dopamin-Blasen

Seitdem haben euphorische Investoren den gegenteiligen Fehler gemacht und die Aktienkurse auf Niveaus getrieben, wo die Bewertungen im Vergleich zu den Fundamentaldaten zu hoch sind. Gemäss Shefrin weiss man mittlerweile aus der Forschung, dass Marktblasen bei Anlegern zu Dopamin-Hochs führen, was die anhaltende Überbewertung erklären kann: «Der Hang zur Überbewertung ist ein konsistentes Verhaltensmuster und Dopamin scheint hierfür eine wichtige Ursache zu sein, genau wie bei der Opioid-Krise», sagt Shefrin. Für die meisten Anleger besteht der größte Fehler darin, sich von diesem wilden Ritt anstecken zu lassen, wenig diversifizierte Portfolios zu halten und kein Rebalancing zu machen.»

Diese Art von Disziplin ist für die meisten Anleger eine Herausforderung. Deshalb empfiehlt Shefrin einen Coach beizuziehen, z. B. einen Finanzplaner, der keinen Interessenkonflikt mit seinen Kunden hat. Man könne auch einem Investmentclub beitreten, dessen Mitglieder an der langfristigen Performance interessiert sind und nicht daran, «schnell reich zu werden».

Der Einsatz steigt

Eine weitere Frage, welche die Pandemie aufgeworfen hat: Wirken sich Anlegerfehler heute stärker aus, steht für Anleger also mehr auf dem Spiel?

Einige Experten argumentieren, dass die Globalisierung für undisziplinierte Anleger zu höheren Risiken führt. Die Volatilität habe zugenommen und Investoren seien besonders anfällig für seltene oder noch nie dagewesene Ereignisse wie die Finanzkrise 2008 oder die Pandemiekrise. Die globale Mobilität bedeute, dass ein negatives Ereignis in China oder Amerika immer schnellere und stärkere Welleneffekte rund um den Globus auslösen könne. Ebenso führe die zunehmende Popularität des Online-Handels zu mehr Volatilität.

Dies macht es noch wichtiger, diszipliniert zu bleiben und kognitive Fehler zu vermeiden. «Viele Anleger konzentrieren sich nur noch auf kurzfristige Marktbewegungen, statt auf die langfristigen Anlageergebnisse», sagt Shefrin. «Dies hängt auch damit zusammen, dass vernünftiges Anlegen einfach langweiliger ist, als die Jagd nach dem kurzfristigen Gewinn. Unser Verstand sucht nach Aufregung. Deshalb prüfen wir auch unsere Handys so oft auf neue Nachrichten.»

Gut diversifiziert bleiben

Angesichts der erneut hohen Bewertung von Aktien stehen Anleger vor einer besonders großen Herausforderung. Analysen der LGT zeigen, dass die erwarteten Renditen von Aktien in den nächsten Jahren nicht nur unterdurchschnittlich ausfallen dürften, sondern auf dem niedrigsten Niveau seit 10 Jahren liegen könnten.

Gemäss Wille gab es früher in solchen Situationen jeweils eine Alternative zu Aktien in Form attraktiver Anleihen - zum Beispiel US-Staatsanleihen mit sechs Prozent Rendit im Jahr 2000. Heutzutage fehlt diese Alternative, da die Zinsen in vielen Ländern sehr niedrig oder negativ sind.

«Um Fehler zu vermeiden, ist es heute wichtiger denn je, eine langfristige Strategie zu definieren, diese zu verstehen und sich daran zu halten. Anleger müssen jetzt sehr diszipliniert sein. Sie sollten vestehen, was Sie besitzen, warum, und wie hoch der Preis dafür ist», sagt Wille. «Schauen Sie sich genau an, welche Entschädigung Sie für die eingegangenen Risiken erhalten dürften. Zum Beispiel gibt es Unternehmen mit einem ausgezeichneten Management und guten Gewinnperspektiven. Aber wenn das Preisschild nicht stimmt - lassen Sie die Finger davon.»

Aktiv verwaltete, gut diversifizierte Fonds sind ein guter Weg, um Fehler zu vermeiden, wobei der Fokus in der heutigen Zeit vermehrt auf der Selektion liegen sollte. «Deshalb sollten Sie immer unter die Haube schauen und verstehen, was drinsteckt steckt», sagt Thomas Wille. Dann solle man langfristig dabei bleiben oder klare Grenzen setzen, bei denen man Gewinne mitnehmen oder Verluste begrenzen möchte, und sich daran halten, fügt er hinzu. «In diesem Umfeld ist die Unterstützung durch erfahrene Portfoliomanager und aktive Fondsmanager sehr wertvoll.»

Aufmacherbild: Shutterstock

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