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Nachhaltigkeits-Ratings: Zwischen Chaos und Wachstum

10. November 2020

Lesezeit: 10 Minuten

von Simon Usborne, Gastautor

Nachhaltigkeit Rating Investment

Sterne, Punkte, Prozente für Ihr Portfolio: Wer hat noch den Überblick bei allen verschiedenen Nachhaltigkeits-Ratings? 

Inmitten der Turbulenzen der Corona Pandemie sind einige Branchen regelrecht aufgeblüht. Supermärkte, Videokonferenzdienste, Hundezüchter, Hersteller von Gesichtsschutzmasken – sie alle stehen so hoch im Kurs wie noch nie. Andere florierende Märkte sind etwas abstrakter. Zum Beispiel Ratings für nachhaltige Investments.

Ende August, als sich der Lockdown für einige sechs Monaten näherte, hatten Anleger Rekordsummen in nachhaltige Investmentfonds investiert. Allein zwischen April und Juni waren mehr als 70 Milliarden US-Dollar in Fonds geflossen, die Umwelt-, Sozial- und Governance-Prinzipien (ESG-Prinzipien) folgen. Dadurch wuchs das ESG-Gesamtvermögen laut Impact-Investment Spezialist Morningstar auf über eine Billion US-Dollar an.

Unsicherheit bremst Investments

Dies entspricht zwar weniger als zwei Prozent der weltweiten Gesamtsumme der verwalteten Investmentfonds, aber Manager beobachteten eine signifikant zunehmende Nachfrage nach mehr sozial verantwortlichen Investments. Das geschärfte Bewusstsein für die Klimakrise, die globale Bewegung gegen Rassismus und der Schock durch den Coronavirus haben diesen Wandel beschleunigt. 

Aber wie vergleichen Anleger einen Fonds mit dem anderen? In diesem wachsenden Markt sind mit der Zeit immer mehr verschiedene Indizes, Listen und Ratings aufgetaucht. Alle arbeiten auf leicht unterschiedliche Weise und gewichten verschiedene Attribute. Verwirrung kann für Anleger das erste Hindernis für ethisch vertretbare Investitionen sein. In der Zwischenzeit fordern Kritiker der ESG strengere Regulierungen und Standards in einer sich schnell entwickelnden Subindustrie.

Investment nachhaltig
Keine "Sündenindustrien": Das Konzept nachhaltiger Anlagen ist nicht neu.

Das Konzept ist natürlich nicht neu. Der moralisch vertretbare Umgang mit Geld ist seit Tausenden von Jahren von zentraler Bedeutung für Religionen wie das Judentum und den Islam. Im Nordamerika des 18. Jahrhunderts vermieden die Methodisten Investitionen in Unternehmen, die Alkohol- oder Tabakprodukte herstellen oder Glücksspiele fördern.

Die Quäker wichen auf ähnliche Weise "Sündenindustrien" aus und verurteilten Investitionen in Sklaverei und Krieg. Demonstranten gegen den Vietnamkrieg verlangten von Universitäten, dass ihre Stiftungsfonds keine Rüstungsfirmen mehr unterstützten. 

Aber erst in diesem Jahrhundert sind Impact Investing und ESG formalisiert worden, zumindest bis zu einem gewissen Grad. In einem bahnbrechenden Schritt hat die UNO 2006 ihre Grundsätze für verantwortungsvolles Investieren lanciert, denen sich inzwischen mehr als 2000 Vermögensverwalter, darunter auch die LGT, verpflichtet haben. 

Weder reguliert noch geprüft

Als erstes müssen Rating-Anbieter entscheiden, welche Faktoren für ein bestimmtes Unternehmen relevant sind. Bei Sustainalytics, einer der grössten Agenturen in diesem Bereich, erhalten Unternehmen "Risiko-Punkte" für Kriterien innerhalb von 138 "Sub-Industrie-Gruppen". Die Gewichtung wird jeweils der Firma angepasst, sodass beispielsweise eine Ölfirma in Bezug auf den Klimawandel anders beurteilt wird als eine Softwarefirma. 

Vigeo Eiris, mit Sitz in Paris und jetzt im Besitz der Kreditratingagentur Moody's, beurteilt Unternehmen in 40 Branchen anhand von 38 Kriterien und verteilt ebenfalls unterschiedlich gewichtete Punktzahlen. RobecoSAM, eine 1995 gegründete Investmentgesellschaft mit Sitz in Zürich, konzentriert sich auf nachhaltige Investitionen und verfügt über einen eigenen, weit verbreiteten Businessindex – und einen weiteren für die Bewertung ganzer Länder.

Rating Nachhaltigkeit Investments nachhaltig
Ratings decken auch leere Versprechen auf.

Bei Thomson Reuters umfasst die ESG-Berichterstattung Dutzende von Punkten. Verteilt werden sie an mehr als 6000 börsennotierte Unternehmen. Um das kurz zu veranschaulichen: "TRESGENERS" ist der Code für die Bewertung von Emissionen, d.h. für das Engagement und den Erfolg eines Unternehmens bei der Reduzierung seiner Kohlenstoffauswirkungen. TRESGSOWOS wiederum ist der Wert für die Mitarbeitenden, der Vielfalt, Entwicklungsmöglichkeiten und Arbeitszufriedenheit berücksichtigt, während TRESGCCS "Kontroversen" und die Medienberichterstattung über negative Ereignisse im Zusammenhang mit ESG berücksichtigt.

Andere wichtige Akteure unter Dutzenden von Agenturen und Firmen, die ESG-Forschung anbieten, sind MSCI und S&P. Die LGT engagiert sich seit fast Anfang des Jahrhunderts und führte 2003 erstmals eine Klausel für verantwortungsbewusstes Investieren ein.

Sustainable investments
Andrea Ferch, Head Sustainable Investments bei der LGT

Ein firmeneigenes Tool ist die Grundlage des LGT Nachhaltigkeitsratings. Das Rating für Firmen berücksichtigt drei Elemente: der Geschäftsbetrieb, einschliesslich den Kohlenstoffemissionen des Unternehmens, Wasserverbrauch und Gesundheits- und Sicherheitsstandards; die Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt der Produkte und Dienstleistungen; und Kontroversen, die sich auf die Tätigkeiten, Produkte und Services der Firma beziehen, wie zum Beispiel die Einleitung von Giftmüll in einen Fluss. "Dieser ganzheitliche Ansatz liefert ein realistisches Bild der Nachhaltigkeitsqualität eines Unternehmens", so Andrea Ferch, Leiterin Sustainable Investing bei der LGT. Das Rating reicht von einem Stern (ungenügend) bis zu fünf Sternen (exzellent).

Etablierte Akteure gelten als verlässlich, doch die schiere Zahl der Indizes und Anbieter sowie das grosse Wachstum der Branche machen mehr Kontrolle und Einheitlichkeit erstrebenswert. Anders als Bonitätsbewertungen werden ESG-Ratings weder reguliert noch geprüft, sodass es den Anbietern überlassen bleibt, die Daten auf faire und vergleichbare Weise zu verdichten – und den Unternehmen, legitime Daten über sich selbst zur Verfügung zu stellen. 

Mehr Rendite bei besseren Ratings

Diskrepanzen deuten darauf hin, dass dies nicht immer gut funktioniert. In diesem Jahr stellte sich zum Beispiel heraus, dass zwanzig nachhaltige Fonds in Boohoo investiert hatten, dem Fast-Fashion-Einzelhändler, dem man schlechte Arbeitspraktiken vorwarf.

Inzwischen ändern sich Bewertungen von Anbieter zu Anbieter. Letztes Jahr senkte S&P Global sein Rating für Facebook wegen wachsender Bedenken über Datenschutz und Transparenz, aber MSCI blieb bei der Bewertung des Technikgiganten als "durchschnittlich". Eine kürzlich vom MIT durchgeführte Studie ergab, dass die Bewertungen in nur 60% der Fälle übereinstimmten. Kleinere Unternehmen haben sich beschwert, dass sie aufgrund begrenzter Ressourcen und unabhängig von ihren tatsächlichen Auswirkungen tiefere Ratings erhalten.

Mehr als Monopoly: Nachhaltigkeit und Rendite sind keine Gegenteile.
Mehr als Monopoly: Nachhaltigkeit und Rendite sind keine Gegenteile.

Besorgt darüber, dass dieser Wandel Unternehmen begünstigt, die bei ihren ESG-Zeugnissen übertreiben oder sie gar aufpolieren, liess die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde Anfang des Jahres verlauten, dass der Zertifizierungsprozess von einer stärkeren Regulierung und Aufsicht profitieren würde.

Es scheint unvermeidlich, dass angesichts des Wachstums in diesem Bereich auch die Beaufsichtigung zunehmen wird. In der Zwischenzeit hat es in diesem Jahr der Extreme Anzeichen gegeben – sowohl im Klima als auch an den Märkten –, dass sich ESG-Investitionen auszahlen und den breiteren Aktienmarkt übertreffen. Ihr geringes Engagement in Öl und Gas hat sicherlich geholfen, aber eine von Morningstar im Juni veröffentlichte Studie ergab, dass die Mehrheit der ESG-Fonds ungeachtet des Chaos von 2020 besser abgeschnitten hat.

Eine solche Entwicklung könnte das Rekordniveau der Investitionen in ESG-Fonds noch weiter in die Höhe treiben, was sich positiv auf den aufblühenden Ratingsektor auswirken könnte – und auf die weit verbreiteten Forderungen nach mehr Standardisierung und Übersicht. 

Nachhaltige Investments bei der LGT

Um ihren Kunden eine Entscheidungshilfe bei der Wahl ihrer Investments an die Hand zu geben, die den Einbezug von ESG-Kriterien ermöglicht, hat die LGT ein Nachhaltigkeitsrating, das LGT Sustainability Rating für Aktien, Obligationen, Fonds und ETFs eingeführt. Die Bewertung wird mit einem selbst entwickelten Rating-Instrument durchgeführt, das bereits seit 2009 erfolgreich für das Management der LGT Nachhaltigkeitsfonds genutzt wird. 

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