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Wie man von sinkenden Aktienkursen profitieren kann

15. März 2022

Lesezeit: 5 Minuten

von Tim Cooper, Gastautor

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Wer mit einem Kurseinbruch an der Börse rechnet, muss nicht tatenlos zuschauen, sondern kann mit einem Leerverkauf davon profitieren.

Ein Leerverkauf - Shortselling auf Englisch - bedeutet, dass man sich Aktien ausleiht und diese verkauft, in der Erwartung, sie zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen zu können und so einen Gewinn zu erzielen. Dieser entspricht der Differenz zwischen dem Preis, zu dem man die Aktie verkauft hat, und demjenigen, zu dem man sie zurückkauft. Steigt hingegen der Aktienkurs, statt wie erwartet zu sinken, resultiert entsprechend ein Verlust.

Hierzu ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie sind der Meinung, dass Tesla mit 800 US-Dollar pro Aktie überbewertet ist und der Kurs bald fallen wird. Sie könnten in diesem Fall beispielsweise zehn Tesla-Aktien von einem Makler ausleihen und diese zum aktuellen Marktpreis verkaufen. Wenn nun die Aktie tatsächlich auf 500 Dollar fällt, kaufen Sie die zehn Tesla-Aktien zurück, und geben sie an den Makler weiter. Sie erzielen so einen Gewinn von 3000 Dollar. Steigt der Aktienkurs von Tesla hingegen unerwartet auf 1000 Dollar, so verlieren Sie 2000 Dollar.

Leerverkäufe dienen auch zur Absicherung:  Wenn beispielsweise ein Anleger Kursgewinne auf einer Aktie, die sehr anfällig für Marktschwankungen in der betreffenden Branche ist, absichern möchte, muss er diese nicht zwingend verkaufen. Er könnte stattdessen die Aktie behalten, aber einen börsengehandelten Fonds (ETF) kaufen, der diese Branche leer verkauft hat. Falls die Branche tatsächlich an der Börse einbricht, würde der allfällige Verlust auf seinen Aktien durch Gewinne auf dem ETF kompensiert.

Tesla shorten
Beispiel Tesla: Chancen und Risiken für Leerverkäufer (© Keystone/AP Photo/Paul Sakuma)

Wichtiger Marktmechanismus

Leerverkäufe sind teilweise umstritten, beispielsweise, wenn Hedgefonds eine Aktie oder sogar einen ganzen Markt aus Profitüberlegungen spekulativ und ungerechtfertigt unter Druck setzen. Dies passiert jedoch immer seltener, da zunehmend andere Marktteilnehmer gegen solche Praktiken vorgehen, wie beispielsweise Anfang 2021 bei der viel beachteten GameStop-Affäre.

Die meisten Ökonomen sind jedoch der Meinung, dass Leerverkäufe ein wichtiger Marktmechanismus sind. Shortseller tragen zur Liquidität und Effizienz der Märkte bei, weil sie überteuerte Aktien verkaufen und damit eine Korrektur in Richtung einer korrekten Marktbewertung bewirken können. Leerverkäufe ermöglichen eine genauere, realistische Preisbildung und verhindern Marktblasen. Ausserdem tragen Leerverkäufer oft entscheidend dazu bei, schlecht geführte Unternehmen zu identifizieren oder Missstände in Unternehmen aufzudecken.

Rencheng Wang, außerordentlicher Professor für Rechnungswesen an der Singapore Management University, der 2021 eine Studie über die Auswirkungen von Leerverkäufen auf die Finanzmärkte.veröffentlicht hat, stimmt dem zu: "Leerverkäufer spielen eine wichtige Rolle bei der Identifikation überbewerteter Unternehmen. Untersuchungen zeigen auch, dass Leerverkäufer etwa 15 Prozent aller Betrugsfälle von Unternehmen aufdecken.» Die Existenz von Leerverkäufern senke zudem den Anreiz, sich mit Insiderwissen auf Kosten Außenstehender zu bereichern. Dies liege daran, dass die Recherchierarbeit von Leerverkäufern das Entdeckungsrisiko erhöhen, mit entsprechend negativen Konsequenzen für Insider.

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Leerverkäufer suchen überbewertete Unternehmen (© Shutterstock)

Weitere Pros und Kontras

Leerverkäufe sind mit Risiken behaftet, aber die Gewinnchancen sind gross. Laut dem deutschen Online-Portal Statista beliefen sich die Gewinne aus Leerverkäufen zu Beginn der Covid-Pandemie im Jahr 2020 allein für Tesla-Aktien auf eine Milliarde US-Dollar in einer Woche. Aufgrund des spektakulären Kursanstiegs der Tesla-Aktie im weiteren Jahresverlauf entstanden den Leerverkäufern jedoch auch Verluste in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar. Der zweitgrösste Verlustbringer für Leerverkäufer im Jahr 2020 war Apple mit Verlusten von 6,7 Milliarden US-Dollar.

Wang sagt hierzu: «Leerverkäufe sind anspruchsvoll und mit erheblichen Risiken verbunden. Nur erfahrene Anleger können diese sinnvoll einsetzen. Wenn ein Anleger eine Aktie kauft, kann er maximal das Geld verlieren, das er investiert hat. Leerverkäufer können hingegen theoretisch unendlich viel verlieren, weil der Kurs einer Aktie ewig weiter steigen könnte.»

Mit einem gut diversifizierten Korb von Leerverkaufspositionen auf Aktien oder Indizes und einem disziplinierten Vorgehen bei der Verlustbegrenzung können die Risiken reduziert werden. Auch die Beratung durch einen Spezialisten kann hilfreich sein, da dieser mit diesen Instrumenten wahrscheinlich besser vertraut ist.

Alternativen zum Leerverkauf

Eine andere, weniger riskante Möglichkeit, auf einen Kursrückgang zu setzen oder sein Portfolio abzusichern, ist der Kauf einer so genannten Put-Option. Diese gibt dem Anleger das Recht, den Basiswert während der Laufzeit zu einem bestimmten Preis zu verkaufen, wobei der maximale Verlust die für die Option gezahlte Prämie ist. Mittlerweile gibt es auch Produkte für Kleinanleger mit Short-Strategien auf ausgewählte Aktienindizes, bei denen die Verluste auf den ursprünglichen Investitionsbetrag begrenzt sind.

Prominente Shortseller

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The Big Short: Wie Leerverkäufer von der US-Immobilienkrise profitierten

Leerverkäufe gibt es schon seit Jahrhunderten, aber erstmals richtig ins öffentliche Bewusstsein rückten sie 1992. Damals wurde der US-Investor George Soros berühmt als "der Mann, der die Bank of England ruinierte". Er verdiente 1,1 Milliarden US-Dollar mit Leerverkäufen des Pfunds, als die britische Nationalbank sich gegen eine Abwertung der unter Druck geratenen britischen Währung stemmte und schliesslich scheiterte. Bekannt wurde das Konzept auch durch die Veröffentlichung des Buches "The Big Short" von Michael Lewis im Jahr 2010 und dessen Verfilmung von 2015. Darin wird die atemberaubende Geschichte einer Gruppe von Investoren erzählt, die mit Leerverkäufen des US-Immobilienmarkts Milliarden verdienten, als dieser 2007 zusammenbrach.

Shortselling ist mittlerweile auch auf Netflix angekommen: Die Shortsellerin Fahmi Quadir, die für ihre Arbeit bei der Aufdeckung von Unternehmenskriminalität den Spitznamen "The Assassin" erhielt, trat 2018 in der Netflix-Dokumentation ‘Dirty Money’ auf.

(Titelbild: © Shutterstock)

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