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Auch dieser Winter wird enden

23. April 2020

Lesezeit: 4 Minuten

von Dr. Johann Kräftner, Direktor Fürstliche Sammlungen

Wiederserstehen zu neuem Leben Ferdinand Georg Waldmüller Augmented Reality Fürstliche Sammlungen

Wie alte Meister uns gerade jetzt Hoffnung und Trost spenden: Entdecken Sie die Fürstlichen Sammlungen neu.

Hoffnung ist in dieser schwierigen Zeit wichtiger denn je. Als Gegengewicht zu Angst und Unsicherheit brauchen wir Zuversicht und Vertrauen auf die Zukunft und damit auf bessere Zeiten – Vertrauen auf ein Ende des Winters und einen erneuten Frühling. Kein Gemälde der Fürstlichen Sammlungen zeigt die Schönheit des herbeigesehnten Wiederanfangs treffender als Ferdinand Georg Waldmüllers "Wiedererstehen zu neuem Leben" (1852).

Vom Licht des ersten strahlenden Frühlingstages geblendet tritt ein alter Mann aus seinem Haus. Ein langer Winter liegt hinter ihm. Ans Haus gefesselt, kränkelnd und vielleicht sogar ans Bett gebunden musste er geduldig auf diesen Augenblick warten, den er nun im Kreise seiner Familie – hinter ihm seine Frau – so überrascht erlebt. Wieder einmal kann er sich der wärmenden Strahlen der Sonne erfreuen und die Magie des klaren Frühlingslichts erleben. Ein neuer Frühling ist ihm hier gegönnt, hoffentlich nicht der letzte.

Der österreichische Maler Ferdinand Georg Waldmüller kann hier gleich mehrere seiner grossen Anliegen auf die Leinwand bannen. Zum einen ist es das Leben des einfachen Bauernvolks, das er immer wieder festgehalten und variiert hat. Bauern sind bei ihm in aller Regel vor allem glückliche Menschen. Menschen, die ihr Leben in den ihnen gegebenen einfachen Verhältnissen ausschöpfen und auch ohne Einschränkung zu geniessen scheinen. Sozialkritik über die gar nicht so rosigen Zustände der Bauern und Handwerker seiner Zeit schiebt er weit weg in den Hintergrund. Mädchen und Buben zeigen gar nichts von der Not, die diese Zeit landauf landab peinigte. Ein Grossteil der Bauern litt damals unter Unterernährung und anderen Mangelerscheinungen.

Wie ein Werbespot

Mit dem genauen Gegenteil davon konfrontiert uns Waldmüller in seinem Bild. Uns treten modellhafte wohlgenährte Menschengesichter entgegen, wie sie jedem Werbespot auch heute noch entsprechen würden. Die ganze Szenerie taucht Waldmüller in ein fast filmreiches Licht – um beim selben Vergleich zu bleiben –, ein Licht, das nicht nur die Menschen, ihr Äusseres und ihre Physis durchleuchtet, sondern im gleichen Mass auch den Boden, die Fassade des Hauses, die Bäume wie auch die Landschaft im Hintergrund erstrahlen lässt und allem ein fast magisches, in der Malerei ganz neues Leben einhaucht. Der knospende Baum im Zentrum wird zum Lebensbaum, der auf den ewigen Zyklus der Fruchtbarkeit und damit auf die Zukunft alles Lebendigen verweist. Selbst die Hausmauer mit ihrer in Ehren gealterten Oberfläche spielt in diesem Konzert des Lebendigen ihre Rolle.

Die Idealisierung hat Waldmüller lange Zeit in die Rolle eines Blut- und Boden-Künstlers gedrängt. Vor allem seine Wertschätzung zur Zeit des Dritten Reiches hat sein Werk in eine ganz falsche Ecke verschoben. In dieser Zeit waren seine Bilder gerade zum Synonym eines vor Gesundheit strotzenden germanischen Bauernvolkes geworden. Seine Figuren wurden zu Synonymen der leeren Versprechungen auf dem Gebiet des Gesundheits- und Sozialwesens, die über die unkritische Masse der Bevölkerung ausgegossen worden waren.

Einer der ganz wesentlichen Aspekte in Waldmüllers Malerei, der im vorliegenden Bild auch eine inhaltlich tragende Rolle spielt, ist der Umgang Waldmüllers mit dem Licht. So als hätte er gewusst, dass Licht auch für das Gemüt eine wesentliche Rolle spielt, macht er es hier geradezu zum Träger der Idee dieses Gemäldes.

Die Kraft der Sonne

Licht ist in Waldmüllers Malerei als zentrales Moment nicht nur Stimmungs-, sondern vor allem auch Bedeutungsträger und bildet über weite Strecken den Hauptinhalt in seiner Malerei. Er ist in Wien der erste, der hinausgeht ins Freie, um dort die Kraft der Sonne und die Magie der unterschiedlichsten Lichtstimmungen einzufangen und direkt auf der Leinwand wiederzugeben. In diesem Bild wird die Auseinandersetzung mit dem Licht zum eigentlichen Inhalt: Er macht das Licht zum Symbol des Lebens, zum Gleichnis für die vor Kraft strotzende Gesundheit. Noch einmal durchdringt diese unbändige, immer wiederkehrende Kraft die Knochen des alten Mannes und lässt ihn fast wie eine Lichtgestalt vor die Haustüre treten.

In der Genremalerei wird um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Höhepunkt erreicht, glücklich verknüpfen Künstler wie Waldmüller oder Gauermann Porträt und Landschaft mit inhaltlichem Geschehen und finden so zu einer ganz neuen Lebendigkeit. Der nächsten Generation wird es vorbehalten bleiben, durch die Auseinandersetzung mit der sozialen Realität eine gänzlich neue Facette zu bestreichen. 

Bilder: Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz – Wien

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