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Die Kunst des Anzugtragens

19. September 2022

Lesezeit: 6 Minuten

von Simon Usborne, Gastautor

Anzug

In Zeiten des Homeoffice erhalten Anzüge eine neue Bedeutung.

Der britische Künstler Lucian Freud verbrachte einen Grossteil seines Lebens damit, von zu Hause aus zu arbeiten. Er lebte in einem stattlichen Haus im Londoner Kensington, wo er auch sein Atelier hatte. Doch wenn Sie jetzt das Bild des modernen, im farbverschmierten Overall gekleideten Künstlers vor sich haben, täuschen Sie sich: Freud lebte für den Massanzug. Er war Stammgast im Huntsman in der Savile Row, der traditionsreichen Londoner Strasse, in der die vornehmsten Namen der Herrenmode zu Hause sind.

Lucian Freud
Von Kritikern "Grossbritanniens grösster lebender Maler" genannt, und einer der begeistertsten Anzugträger: Lucian Freud. © KEYSTONE/CAMERA PRESS/Jane Bown

Denn Freud war ein Meister einer etwas anderen Kunst – einer Kunst, die akut bedroht ist, seit die Pandemie unsere Arbeitsgarderobe verändert hat; von der eleganten zur zunehmend legeren Kleidung.

Kann die Kunst des Anzugtragens noch gerettet werden; jetzt, da die Nachfrage nach den kuscheligen Qualitäten von Loungewear so stark gestiegen ist?

Freud war nicht der einzige Anzugsbegeisterte unter den Künstlern. Francis Bacon trug gerne Anzüge. Jean-Michel Basquiat modelte für Comme des Garçons. Diese Männer wussten um die Macht des gut geschnittenen Anzugs, um diese Ausstrahlung, die weit über das Sitzungszimmer hinausreicht, und konnten sie mit mehr Eloquenz zum Ausdruck bringen als die meisten uniformierten Manager.

Der amerikanische Schriftsteller und Sohn eines Schneiders, Gay Talese, wurde nie in etwas anderem als einem exquisit geschnittenen dreiteiligen Anzug gesehen. "Einen schön geschnittenen Anzug anzuziehen, erhebt meinen Geist, preist mein Selbstbewusstsein und hilft mir, mich als Mann zu definieren, für den Details wichtig sind", schrieb Talese 2007. Er nannte gute Schneiderei eine "Feier der Präzision" und fügte hinzu: "Wenn ich einen meiner massgeschneiderten Anzüge trage, bin ich im Einklang mit meinen höchsten Idealen, mit meiner Verehrung für grossartige Handwerkskunst." 

Gay Talese
Gay Talese, Mitbegründer des New Journalism, fühlte sich nur in einem Anzug vollständig. Am liebsten einem Zweiteiler. © Robyn Twomey/Redux/laif

Als weniger bekannter Schriftsteller geht meine eigene Beziehung zu Anzügen selten über Hochzeiten und Beerdigungen hinaus. Doch wenn ich einen trage, dann steigert dieses ungewohnte Gefühl nur meine Wertschätzung. Für meine eigene Hochzeit habe ich einen massgeschneiderten Anzug gekauft, den ich noch heute manchmal trage. Er ist simpel und grau – einreihig, nicht zu eng und nicht zu weit. Und wenn ich ihn anziehe, hebt sich mein Kinn, mein Rücken wird gerade und ich schreite fast stolzierend durch die Strassen.

Doch schon vor der Pandemie und vor der Hegemonie des "Smart Casual" waren Talese und die treuesten Anzugträger in einem Zustand der Beinahe-Trauer. "Es gibt Menschen, die sich grosse Sorgen um das Wohlergehen von bengalischen Tigern und gelbköpfigen Amazonas-Papageien machen", so Talese. «Und dann gibt es Leute wie mich, die sich um das berufliche Überleben der Herrenmassschneider sorgen.»

Dann kam die Pandemie. Selbst Arbeitnehmer, die ganz genau auf ihr Aussehen auf dem Laptopscreen achteten, sahen kaum noch Bedarf für formelle Kleidung. Und die Auswirkungen dieses Wandels sind in vielen Städten der Welt zu spüren, wo die Unternehmen ihre Kleiderordnung gelockert haben – zum Teil in der Absicht, die Arbeitnehmer wieder in ihre Büros zu locken.

Jean Michel Basquiaz
Gelebte Widersprüche: Jean-Michel Basquiaz' Kunst handelt von Reichtum und Armut, Integration und Segregation. Er war Graffitikünstler und Anzugträger. © KEYSTONE/DPA/Rolf Haid

Zentren der Herrenmode wie die Savile Row sind gezwungen, sich anzupassen und weiterzuentwickeln, sonst sterben sie aus. Dort, wo es noch Kunden gibt, berichten Schneider von einer höheren Nachfrage nach legereren Schnitten und Stoffen, einschliesslich weicherer, dehnbarerer Stoffe. "Separates", also Hosen und Jacken, die miteinander kombiniert werden können, sind im Kommen.

Aber es gibt Hoffnung für den Anzug. Wie ich bereits festgestellt habe, kann der Rückgang des Büroanzugs nur die Neuheit und den Stolz unterstreichen, die man fühlt, wenn man zu besonderen Anlässen in einen Anzug schlüpft. Bei Anlässen, die sich nach Monaten der Tristesse und Entbehrung immer noch wie hedonistische Befreiungsschläge anfühlen, werden wir vielleicht weniger, aber bessere Anzüge tragen. Sie könnten auch bunter sein, befreit von den tristen Farben des Arbeitsplatzes.

Vielleicht würde sogar Freud das gutheissen.

Titelbild: © KEYSTONE/EPA/MAURIZIO DEGL'INNOCENTI

Weitere Bilder: © KEYSTONE/WESTEND61/JOSE CARLOS ICHIRO , © KEYSTONE/WESTEND61/ONEINCHPUNCH, © Istock/g-stockstudio, © CLARA VANNUCCI/NYT/Redux/laif

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