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Kunstmarkt: Lock-down oder Online-Boom?

29. Mai 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Frederik Balfour

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Museen und Galerien sind geschlossen. Kunstmessen abgesagt. Live-Auktionen mussten online abgehalten werden. Wie passen sich Sammler und Kunstmarkt an?

Während die Welt von der Coronavirus-Pandemie erschüttert wird, kommt die Wirtschaft überall zum Erliegen. Der Kunstmarkt bildet da keine Ausnahme. Seit der globalen Finanzkrise von 2008/2009 ist er nicht mehr von einer derartigen Störung erfasst worden. Die Kunstwelt muss sich noch an die neue Realität anpassen.

In den letzten Jahren hat die digitale Technologie glücklicherweise den Kunstmarkt für angehende Sammler verändert. Auf Online-Plattformen wie Artsy werden Hunderttausende von  Kunstwerken angeboten und der Kauf von Kunst bei Online-Live-Auktionen ist inzwischen Routine. In der Zwischenzeit haben die sozialen Medien die traditionell verschwiegene Welt des Kunstsammelns in einen Instagram-Moment verwandelt.

Millennials kaufen am häufigsten online, schliesslich sind sie mit dem Internet aufgewachsen. Laut aktuellem Bericht von Art Basel und UBS haben 92 Prozent der befragten jungen, vermögenden Sammler in den letzten zwei Jahren so gekauft. Insgesamt machten die Online-Käufe im vergangenen Jahr 9 Prozent der weltweiten Kunstverkäufe aus, die sich insgesamt auf 64,1 Milliarden Dollar beliefen. 

Die Hälfte der Online-Bieter bei Sotheby's sind unter 40

Junge asiatische Käufer sind besonders aktiv, sagt Yuki Terase, Leiterin des Bereichs Zeitgenössische Kunst, Asien, bei Sotheby's in Hongkong.  Bei einer reinen Online-Auktion, die am 16. April endete, waren rund 50 Prozent der Bieter unter 40 Jahre alt. "Jüngere Sammler sind eher gewohnt, diese digitalen Plattformen zu nutzen. Das führt zu einer aktiveren Beteiligung", sagte Terase. "Asiatische Kunden haben diese Kaufgewohnheit als allererste angenommen."

Rekord für Sotheby's: "Antipodal Reunion" (courtesy Sotheby’s London).

Im April zwang der Lockdown in London Sotheby's dazu, eine geplante Live-Auktion online abzuhalten. Dabei wurde ein Gemälde des amerikanischen zeitgenössischen Malers George Condo aus dem Jahr 2005 mit dem Titel "Antipodal Reunion" für 1035 Millionen Pfund verkauft – ein Beweis dafür, dass Sammler siebenstellige Summen auf den Tisch legen, selbst wenn sie ein Werk nicht persönlich sehen können.  Im selben Verkauf erzielte eine kleine Bleistiftzeichnung von Andy Warhol aus dem Jahr 1982 106 250 Pfund, mehr als das Fünffache der hohen Schätzung vor der Auktion.

Uli Sigg, der eine Sammlung von mehr als 2500 Werken chinesischer Gegenwartskunst zusammengetragen hat (ein grosser Teil davon hat er dem M+ Museum in Hongkong gestiftet), war wegen des Lockdowns Wochen in seiner Villa am Zürichsee eingeschlossen. Normalerweise besucht der 74-Jährige sechs oder sieben Kunstmessen pro Jahr, aber als die Art Basel ihre Messe in Hongkong absagte, machte Sigg eine Marathon-Tour durch die Online Showrooms der Messe. "Ich bin vielleicht der einzige Mensch, der alle 2000 Werke in den virtuellen Räumen der Art Basel gesehen hat", sagt er.

Kaws verkauft sich online gut

photo of KAWS Robot
Sind cartoonhafte Werke von Künstlern wie Kaws online gefragter ? Bild: Sotheby's London

Natürlich ist die digitale Technologie kein Ersatz dafür, ein Kunstwerk leibhaftig zu betrachten. Das wird jeder sagen, der schon einmal vor Picassos monumentaler "Guernica" oder Monets "Seerosen" gestanden hat. Dennoch werden einige zeitgenössische Kunstwerke bei Online-Auktionen eher gut abschneiden. Denkbar, dass gerade eher cartoonhafte Werke von Künstlern wie Kaws und Takashi Murakami, die sich digital gut reproduzieren lassen, bei Online-Auktionen besser abschneiden.

Wenn Sie die Quarantäne daran hindert, Kunst persönlich zu sehen, ist es doppelt wichtig, dass Sie vor dem Kauf Ihre Hausaufgaben machen, sagen Sammler. Wenn Ihnen etwas ins Auge fällt, recherchieren Sie im Internet nach anderen Werken des Künstlers. Vielleicht finden Sie etwas, das Ihrem Geschmack (und Ihrem Budget) noch mehr entspricht.

Ebenso wichtig ist zu verfolgen, wie sich der Stil eines Künstlers im Laufe der Zeit entwickelt hat. Wurde er oder sie von Museen und angesehenen Sammlern gekauft? Wie haben die Werke bei Auktionen abgeschnitten? Tauchen Werke schnell wieder auf dem Sekundärmarkt auf, ist das oft ein Zeichen dafür, dass der Markt von Spekulation getrieben wird. Sie können die Verkaufshistorie eines Künstlers kostenlos auf den Websites aller grossen Auktionshäuser einsehen. Kostenpflichtige Abonnement-Websites wie z.B. Artnet, Mutual Art und Ocula enthalten ebenfalls ausgezeichnete Datenbanken über den Kunstmarkt.

Nicht in vielen Kunstwerken verschiedener Künstler verlieren

Kim und Lito Camacho in front of Kusama painting
Sammeln viele Werke eines Künstlers: Kim und Lito Camacho (Bild privat).

Die philippinischen Sammler Kim und Lito Camacho warnen davor, Werke ungesehen online zu kaufen – es sei denn, man kenne einen Künstler gut. Der beste Weg, dies umzusetzen sei es, viele Werke von einem einzigen Künstler zu kaufen, statt das Kunstbudget auf viele zu verteilen. Im Gegensatz zu anderen Anlageklassen funktioniert Diversifizierung in der Kunst nicht im gleichen Masse. Die Camachos haben mehr als 250 Werke des japanischen Künstlers Yayoi Kusama gesammelt. Der Wert einiger ihrer ersten Ankäufe aus dem Jahr 2005 hat sich seither um bis das Dreissigfache gesteigert. 

Kaufen Sie keine Künstler, nur weil sie im Trend liegen. "Instagram und andere Social-Media sind Einflussfaktoren, die sich zu neuen Kunstkritikern entwickeln – und das ist ein grosses Problem", sagt der in Hongkong ansässige Händler Pascal de Sarthe. "Man muss verstehen, was Künstler in der Vergangenheit getan haben, um zu verstehen, was heute geschieht und was in der Zukunft kommen wird." Er empfiehlt, die Zeit des Lockdown zu nutzen, um eine neue neunteilige Serie von PBS-BBC mit dem Titel "Civilizations" zu sehen. Mit ihr könne man sein Wissen über die Geschichte der Kunst vertiefen – auch um beim nächsten Kauf genauer hinschauen zu können.

Es ist auch ein guter Zeitpunkt, um die virtuellen Rundgänge zu beschreiten, die derzeit von einigen der grossen Museen der Welt angeboten werden. Schauen Sie sich die Sammlungen im Guggenheim in Bilbao und im Musee d'Orsay in Paris an.

Erwarten Sie keine Sonderpreise

Trotz des weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruchs ist es unwahrscheinlich, dass Sie Kunst zu Schnäppchenpreisen finden. Während die Nachwehen des Zusammenbruchs der Lehman Brothers 2008 Kunstspekulanten aus dem Finanzsektor dazu veranlasst haben, ihre Bestände zu liquidieren, sind die meisten Sammler heute nicht so knapp bei Kasse. Dennoch ist es ein guter Zeitpunkt, um nach grösseren Rabatten oder flexibleren Zahlungsbedingungen zu fragen. Schliesslich müssen die Händler während des Lockdowns immer noch für Miete und Gehälter aufkommen.

Die Händler akzeptieren auch eher Inzahlungnahmen, sagt Ben Brown, der Galerien in London, Hongkong und New York betreibt. Auf diese Weise können bestehende Kunstbesitzer teurere Werke kaufen, ohne ganz so viel Geld ausgeben zu müssen.  "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für ein Upgrade", sagt er.

Vermeiden Sie Fälschungen und Nachahmer

Auch weiterhin sollte man beachten, dass der Kunstmarkt nach wie vor undurchsichtig, unreguliert und illiquide ist. Wachsamkeit ist heute wichtiger denn je, gerade wenn man ein Werk nicht physisch vor sich hat. Hüten Sie sich vor Fälschungen, Nachahmungen und Betrug; sonst ergeht es Ihnen vielleicht wie den in Hongkong ansässigen Händlern Mathieu Ticolat und Kyoko Tamura. 2017 hatten sie 1,1 Millionen Pfund für eine Kusama-Kürbisskulptur an die sozial engagierte Sammlerin Angela Gulbenkian gezahlt. Obwohl die Londoner Polizei Anfang dieses Jahres einen Haftbefehl gegen den Verkäufer erlassen hat, halten die Händler den Kürbis bis heute nicht in ihren Händen. 

Vermeiden Sie auch vermeintliche Kunst-Investmentberater, die überteuerte Werke an ahnungslose Kunden mit dem Versprechen einer garantierten Rendite verhökern, so Edie Hu, ehemalige Kunstberaterin der Citi Private Bank, die jetzt in Hongkong für Centerpiece Art Advisory arbeitet.  "Da der Aktienmarkt im Moment so volatil ist, wenden sich die Leute vermehrt alternativen Investments einschliesslich Kunst zu.  Wie bei jeder Investition gibt es keine Garantien, dass Sie Geld verdienen werden." 

Potentielle Käufer sollten sich schliesslich an die goldene Regel des Sammelns halten: Kaufen Sie etwas, das Sie eigentlich an ihrer Wohnzimmerwand hängen haben möchten. Denn solange Covid-19 aktuell bleibt, werden sie viel mehr Zeit damit verbringen als sonst.

Ausstellung der Fürstlichen Sammlungen - Liechtenstein Collections in Singapur.
Ausstellung der Fürstlichen Sammlungen - Liechtenstein Collections in Singapur.

Sammler aus Leidenschaft

Die Fürsten von Liechtenstein sind seit über 400 Jahren leidenschaftliche Kunstsammler. Sie haben in diesem Zeitraum eine der bedeutendsten privaten Sammlungen mit Hauptwerken europäischer Kunst aus fünf Jahrhunderten aufgebaut.

Weitere Informationen zu den Fürstlichen Sammlungen.

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