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Londons letzter Lockdown

28. April 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Sophie Campbell, Gastautorin

St Olave's Plague Pest

Panikkäufe, Selbstisolierung, ein unbekannter Erreger: Was der Frühling 2020 und der Sommer 1665 gemeinsam haben. 

In der Kirche in der St. Olave's Hart Street entdeckte ich einmal ein altes Kirchenbuch, ein seltener Überlebender des Grossen Brandes von London. Neben einem säuberlich eingetragenen Todesfall vom 23. Juli 1665 prangte ein rotes "P". Bei der Verstorbenen handelte es sich um ein junges Mädchen, und das "P" stand für die Pest, die in jenem Frühjahr in der drei Meilen westlich gelegenen Gemeinde St. Giles-in-the-Fields ausgebrochen war.

Zu diesem Zeitpunkt breitete sich der Erreger bereits aus, und das Register zeigt seinen düsteren Verlauf: Ps wucherten von Juli bis September. Der letzte rote Tag war Heiligabend.

Ein unruhiger Frühlingsanfang, ein paar warnende Stimmen, eine Flaute, ein erschreckender Anstieg der Todesfälle, Panikkäufe, Wut, Angst, Anschuldigungen, eine etwa sechsmonatige Verlaufskurve. Kommt uns das nicht bekannt vor? Die Parallelen zum Jahr 2020 liegen auf der Hand, obwohl Covid-19 weniger tödlich und das globale Ausmass unserer Pandemie nach den Massstäben des siebzehnten Jahrhunderts unvorstellbar ist.

"Wie leer die Strassen sind"

St. Olave's, die Kirche, die an der "Square Mile" – der alten Londoner City, unserer Wall Street – liegt, ist der beste Ort, um sich an diesen schrecklichen Sommer vor 345 Jahren zu erinnern. Die Beulenpest, die durch die Flöhe der Schiffsratten von Asien nach Europa verschleppt wurde und sich im Menschen als unansehnliche Klumpen oder "Beulen" zeigte, führte zu über 68 000 registrierten Todesfällen. Das entsprach etwa 15 Prozent der Stadtbevölkerung – das heutige Äquivalent wären 1 400 000 Leichen.

Grosse Pest Plague London Corona
Über 68 000 Londoner fielen der Grossen Pest von 1665 zum Opfer.

Die Kirche ist wunderschön, hat aber auch schauerliche Züge. Ihr steinerner Torbogen trägt eine Gänseblümchenkette aus Totenschädeln, was Charles Dickens dazu veranlasste, sie "St. Ghastly Grim" zu nennen, und ihr Friedhof ragt hoch über der Kirchentür empor. Es gibt Gerüchte über 300 Pestopfer unter der Erde – ähnliche, in der Regel unbegründete Mutmassungen gibt es in ganz London.

Heute bedeutet Selbstisolierung wenigstens nicht mehr, dass man mit einem fusshohen roten Kreuz in sein Haus eingeschlossen und die Worte "Gott sei uns gnädig" an die Haustür gepinselt werden. Wir haben weder Pesthäuser für die Infizierten noch offene Pestgrube wie in St. Paul's in Shadwell, Moorfields in der City und Tothill Fields in der Nähe von Westminster Abbey.

Es sind die menschlichen Details, die so schmerzlich vertraut sind: die Metropole, die geschlossen wird, Menschen, die sich in leeren Strassen gegenseitig beäugen, Hypochondrie (habe ich es oder habe ich es nicht?), nervöse Ausflüge, um das Nötigste einzukaufen, Gerüchte über Kleinkriminalität, kranke Nachbarn und magische Heilmittel, hoffnungsvolle Gebete, Trauer über den Tod von Freunden und Familienmitgliedern.

Ein bildhafter Bericht stammt von einem berühmten Gemeindemitglied von St. Olave's, Samuel Pepys, einem Marineverwalter und Londoner, der zufällig ein kurzes Tagebuch über die fesselndsten elf Jahre der englischen Geschichte schrieb. "16. Oktober 1665. Aber Herr, wie leer die Strassen sind und wie melancholisch", schrieb er in seinem Haus in der Seething Lane, "so viele arme kranke Menschen in den Strassen, voller Wunden, und so viele aufgeschnappte traurige Geschichten...".

Micrographia Hooke Pest Floh
Der Urprung der Pest in Robert Hookes Micrographia (1665).

Der kleine Park an der Seething Lane liegt hinter dem Ten Trinity Square, dem neuen Four Seasons Hotel in der Nähe des Tower of London. Dort befindet sich eine Büste von Pepys und 30 modern gemeisselte Pflastersteine. Einer davon zeigt einen Riesenfloh aus Robert Hookes Micrographia, einer Sammlung von Gravuren aus Mikroskopaufnahmen und ein Bestseller vom Januar 1665. Damals wusste noch niemand, dass dieser Floh tatsächlich der Träger des tödlichen Bakteriums Yersinia pestis war.

Ein weiterer spannender Ort ist St. Stephen Walbrook in der Nähe der Bank of England mit seinem Wanddenkmal für den tapferen Arzt Nathaniel Hodges, der während der gesamten Pest in der Stadt blieb. Viele taten es nicht: Als der König und der Hofstaat im Juni zunächst nach Hampton Court und später nach Oxford abreisten, wurden sie von verdächtig vielen "Höflingen" begleitet.

Great Plague Pest London 1665 Dunstall
Düstere Anblicke: John Dunstalls "Pestszenen 1665".

Der Oberbürgermeister und die Ratsherren blieben jedoch bei ihren Beamten: Wächter zur Bewachung versiegelter Häuser, meist weibliche Helfer, welche Leichen auf Pestbeulen untersuchten, Arbeiter, welche die Körper zu den Gruben karrten. Die Armen blieben, weil sie sonst nirgends hingehen konnten.

In den Strassen stahl der Rauch, den man fälschlicherweise für desinfizierend hielt, die Sicht, doch immer wieder zeigten sich düstere Anblicke wie aus John Dunstalls Kupferstichen "Pestszenen 1665", die in jenem Jahr gedruckt wurden. Wenn Sie sich nach mehr Drama sehnen, sollten Sie Daniel Defoes Roman "A Journal of the Plague Year" lesen: Der fiktive Bericht wurde 50 Jahre nach der Pest geschrieben, aber jedes Mal, wenn ich auf Tokenhouse Yard in der City einbiege, erinnere ich mich an seine Beschreibung eines auffliegenden Fensters und einer Frau, die schreit: "Tod, Tod, Tod!"

Verglichen mit dem hochansteckenden Schwarzen Tod der 1340er Jahre, der Europa von Grund auf veränderte, waren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Grossen Pest schwächer als erwartet. Die Arbeitslosigkeit wuchs zwar deutlich an, aber das tat auch der Handel, sobald sich die Ausbreitung der Krankheit in der kälteren Jahreszeit verlangsamte.

Dann, im Jahr 1666 – das, wie jeder bemerkte, die Zahl der Bestie enthielt – gerade als sich London erholte, verwandelte ein langer heisser Sommer, ein niedriger Wasserstand und ein starker Wind eine Bäckerei in eine Feuersbrunst, die nicht nur die Überreste der Pest wegfegte, sondern einen Grossteil der Stadt vernichtete. Und das hat wirklich alles für immer verändert.

Bilder: Wellcome Collection

Wirtschaft Great Plague Pest London
15 Prozent der Londoner starb, doch die wirtschaftlichen Folgen waren schwächer als erwartet.

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