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Quinta da Côrte: Heimat des Portweins

17. Februar 2020

Lesezeit: 7 Minuten

von Ollie Horne, präsentiert von Cereal

Quinta da Côrte

Eine Reise in das Douro Tal und eines seiner besten Weingüter: authentisch, gemütlich – und überraschend modern.

Ich wache auf und ziehe die Vorhänge zurück. Das Tal vor mir nimmt augenblicklich Form an. Auf der anderen Seite erhebt sich ein Hügel, seine Oberfläche scheint ein Flickwerk aus immergrünem und trockenem Braun. Weissgekalkte und erdige Terrakottadächer drängen sich im Flussbecken darunter zusammen, während der Douro ruhig hinter die sperrige Form des Hügels fliesst. Ich verlasse meine Suite und das niedrige Nebengebäude.

Zu meiner Linken erblicke ich die weissen und gelben Wände der Quinta, dem traditionellen Bauernhaus des Weingutes, und sie umgebend, so hoch oben, so fern ins Tal hinein und soweit mein Auge reicht, die Weinreben. Unzählige Reihen säumen die alten, in den steilen Hang gehauenen Terrassen, die von den frühen Sonnenstrahlen durchkreuzt werden. Die Weinlese endete eine Woche vor meiner Ankunft, und heute Morgen ist das Tal still.

Quinta da Côrte Douro Port Wein
Im Douro-Tal wird der gesamte Portwein der Welt produziert.

Ich befinde mich im portugiesischen Douro Tal, der von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannten Weinregion, die den gesamten Portwein der Welt produziert – einschliesslich der Typen Vintage, Ruby und Tawny, der aus Mischungen von hunderten von verschiedenen, für die Region einzigartigen Rebsorten hergestellt wird.

Die Quinta da Côrte ist eines der kleineren Weingüter des Douro. Sie liegt an der Seite eines steilen Tals, das für sein Terroir und seinen Schieferboden berühmt ist. Der Eigentümer, Philippe Austruy, kaufte das Anwesen 2013. Es ist der vierte Weinberg neben seinen drei Anwesen in Bordeaux, der Provence und der Toskana. Die Quinta da Côrte produziert nicht nur Portwein mit traditionellen Methoden in der ursprünglichen Kellerei des Gutes, sondern auch Rotweine. Eigens zu diesem Zweck entwarf und erbaute der französische Architekt und Interior Designer Pierre Yovanovitch 2018 ein modernes Weinlager.

Viel Fingerspitzengefühl

Ich gehe einer grossen Steinterrasse entlang, mit Blick auf die jahrzehntealten Weinreben und Olivenbäume. Darunter liegen die Dächer der beiden Weingüter; eines in schlichtem Weiss, das andere in einem warmen Terrakottarot. Ich erreiche eine hölzerne Seitentür und betrete die Küche der Quinta. Weisse und blaue portugiesische Fayencefliesen bedecken die Wände und einen originellen und wunderbar offenen Kamin.

Eine Sammlung von Keramikplatten hängt an der Wand, über dem zentralen Esstisch hängt ein moderner Kronleuchter, der aussieht wie eine Gruppe rosa Luftballons. Dieser verspielte Eklektizismus ist ebenfalls das Werk von Yovanovitch, der die Innenräume der Quinta aus dem 17. Jahrhundert mit viel Fingerspitzengefühl in ein Gästehaus verwandelt hat.

Quinta da Côrte Douro Port Wein Yovanovitch
"Draussen folge ich den Schieferpfaden, beschattet von Oliven- und Pflaumenbäumen."

Als er den Auftrag erhielt, am Haus zu arbeiten, verliebte er sich sofort in das gesamte Anwesen und wurde in das ganze Projekt miteinbezogen, einschliesslich der Gestaltung der Schieferterrassen und der Zufahrtsstrasse sowie des Schwimmbads weiter oben am Hang. Es ist die dritte Immobilie, an der Yovanovitch und Austruy gemeinsam gearbeitet haben. Seit ihrer Fertigstellung haben die beiden zwei weitere Projekte realisiert: einen Showroom für die Weine von Vignobles Austruy und ein Privathaus von Austruy, beide in Paris.

Ursprüngliches Bewahren

"Wir haben ein starkes gegenseitiges Vertrauen entwickelt, was für mich bei diesen Projekten sehr wichtig ist", erzählt Yovanovitch am Telefon. "Philippe Austruy bringt mich dazu, so weit wie möglich zu gehen." Zwei der Projekte des Designers für Austruy – die Galerie La Patinoire Royale in Brüssel und die Quinta da Côrte – sind in Yovanovitchs erster Monografie dokumentiert, die im September 2019 bei Rizzoli erschienen ist.

Yovanovitchs Handschrift zieht sich durch die ganze Quinta. Neben der Küche befindet sich eine kleine Bibliothek, sie wirkt warm mit dem roten Ockerlack, den Kissen und Decken. Dramatische, keltische Holzmasken aus dem nahe gelegenen Dorf Lazarim hängen an der Wand. Weiss getünchte Wände, Eichentüren, Kastanienholzmöbel, Terrakotta-Böden und ein Talsint-Teppich aus weicher, dicker Wolle finden in meiner Suite in einem stimmigen Miteinander der Texturen zusammen. Auch die Suiten in den Gästezimmern der Hauptquinta wurden mit handgemachten Fliesen von Aveiro belegt. Jede einzelne zeigt unterschiedliche Farben und Muster.

Quinta da Côrte Douro Port Wein Yovanovitch
Die Farb- und Materialpalette eines traditionellen portugiesischen Hauses prägen das Anwesen.

"Ich wollte den ursprünglichen Geist des Bauernhauses bewahren", sagt Yovanovitch. "Wenn ich Portugal besuche, möchte ich nicht auf etwas zu Modernes oder Sauberes stossen; ich möchte die Wärme der Materialien, die Hände der portugiesischen Handwerker spüren. Ich habe mich entschieden, auf dem gesamten Grundstück die Farb- und Materialpalette eines traditionellen portugiesischen Hauses zu wahren."

Wenn ich Portugal besuche, möchte ich nicht auf etwas zu Modernes oder Sauberes stossen; ich möchte die Wärme der Materialien, die Hände der portugiesischen Handwerker spüren.

Pierre Yovanovitch, Interior Designer

Draussen folge ich den Schieferpfaden, beschattet von Oliven- und Pflaumenbäumen. Der moderne Weinkomplex, der auf drei abfallenden Ebenen erbaut wurde, nutzt die neuesten Weinbautechniken und Maschinen. Im Inneren des Komplexes begrüsst mich der berauschende, reichhaltige Duft gärenden Weins. Die Atmosphäre wirkt trotz des kalten Stahls warm, ja sogar gemütlich. Über mir öffnet sich die Decke zu einem hellen Dachfenster hin, unter mir führt eine Treppe zwei Stockwerke in die Tiefe. Während der Weinlese der vergangenen Woche wurden die Trauben in eine grosse Edelstahlmaschine gegeben, die Blätter und Zweige trennt und verwirft. Danach werden die Früchte durch ein Loch im Boden in das untere Stockwerk des Gebäudes und in Edelstahlbehälter geleitet, wo die Gärung beginnen kann. Bei jedem Schritt erledigt die Schwerkraft anstelle von Elektropumpen die Arbeit. Damit vermeidet man das Zerdrücken oder Aufwühlen des Weins, das sonst seinen Geschmack beeinträchtigen würde. Nach zwei bis drei Wochen der Gärung wird der Wein in den Keller geleitet und zur Reifung in Eichenfässer gefüllt. Hier wird eine konstante Temperatur von elf Grad gehalten, und dicke Wände verhindern, dass weitere Vibrationen den Wein stören.

Ich gehe die Treppe zum Keller hinunter, meine Schritte hallen nach, bis ich die kühle Stille darunter erreiche. Die Stützpfeiler gehen in ein wellenförmiges Gewölbe über und erinnern an die ruhige Atmosphäre einer Kirche – oder an die geschwungenen Hügel des Douro. "Um für das Projekt zu recherchieren, habe ich mit vielen Leuten gesprochen, die in anderen lokalen Quintas arbeiten", so Yovanovitch. "Sie sprachen vom Wein als etwas sehr Spirituelles. Ich wollte diesen Aspekt des Weinherstellungsprozesses in der Architektur festhalten und eine zeitgenössische Schönheit schaffen, die das Gebäude mit dem Geist des Douro-Tals verbindet."

Bilder: James Ash

Cereal

MAG/NET kuratiert ausgewählte Beiträge von Cereal, einem halbjährlich erscheinenden Magazin mit Beiträgen zu Reisen, Kunst, Design und Stil. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich und ist in über 45 Ländern erhältlich.

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