Skip navigation Scroll to top
Scroll to top

Stille in Marrakesch: Eine Reise

31. August 2021

Lesezeit: 7 Minuten

von Rosa Park, Cereal Magazine

Royal Mansur Marrakesch

Wir haben Sehnsucht nach Marrakesch, wo die Symmetrie der maurischen Architektur und andalusische Akzente ineinanderfliessen und komplexe Muster in Marineblau und Perlweiss schimmern.

In meiner Fantasie besteht Marrakesch aus goldenem Sand, trockener Hitze und einem makellosen blauen Himmel. Doch als wir landen, ist die Landschaft in grauen Regen gehüllt. Auf dem Weg zu unserem Hotel erinnert mich der Fahrer fröhlich daran, dass der Regen dringend nötig war. Ich kann seine Begeisterung nicht teilen. Ich hatte mich darauf gefreut, der englischen Winterkälte zu entfliehen, und bin bestürzt, dass sie mir hierher gefolgt ist.

Ich recke den Hals, als wir die Torbögen von Royal Mansour passieren, und bewundere die Granatapfelbäume. Die Eingangstüren des Anwesens bestehen aus Bronze und reichem Zedernholz und sind kunstvoll geschnitzt. Andalusische Akzente ergänzen die Symmetrie der maurischen Architektur. Ein Springbrunnen plätschert über glatten Tadelaktputz; zellige Fliesen breiten sich in komplexen Mustern über die Böden und Wände aus und schimmern in Marine- und Perlweiss. Ein majestätischer Eindruck.

Die Wege durch die 53 riads des Royal Mansour sind labyrinthisch, mit staubigen, rosafarbenen Wänden, die sich in die Höhe ziehen und kantige Schatten werfen. Obwohl die Riads nahe beieinander liegen, wird Privatsphäre grossgeschrieben. Jedes hat seinen eigenen privaten Innenhof und ein Tauchbecken auf dem Dach. Sie sind mit brokatener Seide und Antiquitäten ausgestattet, das Badezimmer mit schwarzem Onyx und geädertem Marmor. Das ist Luxus. Das ist Ruhe.

Am nächsten Tag erobert sich die Sonne ihren rechtmässigen Platz am wolkengesprenkelten Himmel zurück. Der Regen ist bereits eine ferne Erinnerung. Ich bin bereit, die Mauern meines friedlichen Riads hinter mir zu lassen.

Der Winter in Marrakesch ist eine ganz andere Erfahrung als die drückende Hitze des Sommers, und die Kälte überrascht mich immer noch. Ich wickle mich in mehrere Schichten von Schals und Pullovern ein und blicke in die Ferne, wo sich die Umrisse des majestätischen, schneebedeckten Atlasgebirges abzeichnen, bevor ich mich waghalsig in die Medina stürze.

Mopeds schlängeln sich stotternd durch die engen Hintergassen. Metalllöffel klappern auf blubbernden Töpfen, das Geplapper ist unaufhörlich, und das Heulen der Punjis, der Schlangenbeschwörer, dringt in meinen Kopf ein, bis ich für meine eigenen Gedanken taub bin. Das hektische Treiben auf den Strassen beschleunigt mein Tempo. Die berauschenden Düfte von Minztee, Rauch, Benzin und Staub, die vom Feldweg aufgewirbelt werden, sind so intensiv, dass sie mir im Hals brennen. Ich bedecke meine Nase und meinen Mund mit dem Kragen meines Hemdes und blinzle, weil meine Augen von der Kakophonie brennen.

Brotstapel, Nylontrikots, geflochtene Körbe, Lederpantoffeln, Schmuckstücke und Früchte verschwimmen in einem Übermass an Farben und Texturen. Für den Bruchteil einer Sekunde bleibe ich stehen und starre auf die konfektförmigen Lichter, die durch Holzlatten über dem Souk hängen. Ihr Glas ist dick und bonbonfarben – apfelgrün, kirschrot und mandarinenfarben.

"Wohin gehen Sie? Brauchen Sie Hilfe?"

Die Hilfe kommt ungefragt.

Die Koutoubia-Moschee ist der Nordstern, der in der zunehmenden Dunkelheit leuchtet und mir den Weg weist. Sanft wehen die Teppiche, die über die Geländer der Dachterrassen drapiert sind. Nur wenige Orte, an denen ich je war, vereinen Ruhe und Chaos so gekonnt. Die überbordende Lebendigkeit Marrakeschs braucht die Ruhe der Riads, wie die des Royal Mansour. Zu viel von dem einen flösst Unruhe ein. Zu wenig von dem anderen weckt Sehnsucht. Ich brauche beides, um diesen Ort in seiner Gesamtheit zu schätzen.

Der Wind trägt den Ruf zum Gebet herein. Ich bin still.

Alle Bilder: Rich Stapleton

Mehr über Cereal

Cereal ist eine der weltweit führenden unabhängigen Publikationen über Reisen, Kunst, Design und Stil. Das Magazin erscheint halbjährlich, ist in über 45 Ländern erhältlich und bietet Geschichten aus der ganzen Welt. Weitere Informationen finden Sie unter readcereal.com, oder folgen Sie @cerealmag

Mehr vom LGT Online Magazin?

Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse und erhalten per Newsletter regelmäßig das Aktuellste vom LGT Online Magazin.
Newsletter abonnieren