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Schülerin oder Ehefrau?

12. Oktober 2020

Lesezeit: 7 Minuten

von Laura Gianesi, LGT

Educate Girls in Indien

Wie die NGO Educate Girls Schülerinnen in Indien eine bessere Zukunft ermöglicht.

«Unser Kind wird später sowieso heiraten. Warum soll sie zur Schule?» Mit diesen Worten rechtfertigen viele Eltern die Entscheidung, ihre Töchter zu Hause zu behalten. Indien hat eine der weltweit höchsten Analphabetenraten. Nur 15 Prozent der Primarschüler können eine einfache Geschichte auf Hindi lesen. Für Mädchen sehen die Zahlen noch düsterer aus. 

Im ländlichen Indien gehen nur halb so viele Mädchen wie Jungen zur Schule, 40 Prozent von ihnen schliessen nicht einmal die vierte Klasse ab. Armut ist nicht der einzige Grund für diese Lücke. Statt rechnen sollte ein Mädchen kochen lernen. Statt schreiben üben sollte es besser putzen, Wasser holen und auf seine jüngeren Geschwister aufpassen. Ausserdem machen sich Eltern in ländlichen Gebieten wie dem nördlichen Rajasthan aus verschiedenen Gründen Sorgen – wegen des langen Schulwegs, der schlechten Qualität des Unterrichts und der mangelhaften Infrastruktur der Gebäude. Oft fehlen nach Geschlechtern getrennte Toiletten.

Genau hier setzt die Non-Profit-Organisation Educate Girls an. «Wir fördern die Einschulung von Mädchen gezielt, indem wir mit Leuten in den Dörfern sprechen und zu Hause bleibende Töchter ausfindig machen. Dafür zuständig ist unser Team Balika», erklärt Maharshi Vaishnav, der Stabschef von Educate Girls. Dieses Team setzt sich aus Frauen und Männern zwischen 18 und 25 Jahren zusammen, die in ihren Dörfern zu denen gehören, die am besten ausgebildet sind. Educate Girls bietet ihnen Workshops zur Datenerhebung sowie zu Kommunikations-, Präsentations- und IT-Fähigkeiten an, bevor die Freiwilligen in die Dörfer gehen, um Familien davon zu überzeugen, ihre Töchter in die Schule zu schicken.

Educate Girls Bildung Mädchen Schule Indien
Educate Girls spricht direkt mit Familien, die ihre Mädchen nicht zur Schule schicken wollen. Bild: Nadine Haegeli

Seit 2010 unterstützt LGT Venture Philanthropy Educate Girls auf vielfältige Weise – nicht nur mit USD 2.9 Millionen, sondern auch durch professionelle Expertise. Unter anderem halfen LGT Mitarbeitende bei Informationsveranstaltungen für Investoren in Indien und waren massgeblich daran beteiligt, für Educate Girls den weltweit ersten Development Impact Bond in der Bildung zu lancieren. Deshalb fügt Vaishnav hinzu: «LGT Venture Philanthropy hat massgeblich zur Entwicklung unserer Organisation beigetragen.» Eine der wichtigsten Massnahmen zur Unterstützung sind die LGT Impact Fellows.

Thomas Kagerer, Investment Director bei LGT Venture Philanthropy, fing selbst bei der LGT als Impact Fellow an. Er erklärt die Idee hinter dem Konzept: «Wenn wir eine Organisation gefunden haben, die unseren hohen Standards entspricht, unseren intensiven Due-Diligence-Prozess besteht und unseren Stiftungsrat überzeugt, dann investieren wir nicht nur Geld, um dieser Organisation beim Wachsen zu helfen. Genauso wichtig wie finanzielle Unterstützung ist der Zugang zu Top-Arbeitskräften.» Nach seinem Fellowship ist Kagerer der LGT Venture Philanthropy beigetreten und hilft heute bei der Rekrutierung und der Betreuung von LGT Impact Fellows. 

Mehr als Spenden

Diese Fellowships werden je nach den Bedürfnissen der unterstützten Organisation angeboten – sei es in Kommunikation, Management, Human Resources oder in einer anderen Abteilung. «Bewerber haben nicht die finanzielle Entschädigung im Sinn, da diese ziemlich tief ausfällt. Stattdessen sind sie hoch motiviert, etwas für die Gesellschaft zu tun», beobachtet Kagerer.

Einer der neun LGT Impact Fellows, die das Wachstum von Educate Girls unterstützt haben, ist David Hayman. Er war für die Entwicklung der Expansionsstrategie zuständig. Hayman erinnert sich noch immer daran, wie er das Team Balika von Educate Girls das erste Mal begleitet hat. Zusammen mit den Freiwilligen traf er Familien, versuchte ihre Ansichten nachzuvollziehen und die Ängste und Beweggründe zu verstehen, warum sie ihre Töchter nicht lesen, schreiben und rechnen lernen liessen. Als Allererstes musste er die Situation also von Grund auf erfassen. «Im Hauptsitz in Mumbai zu bleiben, ist nicht genug. Man muss die Prozesse von Educate Girls von Anfang bis Ende kennenlernen. Jede Region, jeder Staat hat einen anderen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Hintergrund», beobachtet der Londoner.

Jedes Mädchen zählt

Hayman traf nicht nur Familien, sondern sprach auch mit Schülern, Lehrern, Freiwilligen und Beamten, um die Expansionsstrategie von Educate Girls zu entwerfen und dann ihre Umsetzung in den Jahren 2015 und 2016 zu unterstützen. Dabei entwarf er einen Expansionsplan für noch nicht abgedeckte Regionen in Indien. «Das Expansionstool wird Mitarbeitenden dabei helfen, neue Zielregionen zu identifizieren und auszuwählen und das Angebot in weiteren Regionen aufzubauen», erklärt Hayman. Dies ist bereits der Fall: Seine Ursprungsstrategie ist die Basis für den Expansionsplan der nächsten fünf Jahre.

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Hausaufgaben werden auch mal auf dem Boden gemacht. Bild: Nadine Haegeli

Bevor er als LGT Impact Fellow nach Indien reiste, arbeitete Hayman sechs Jahre lang im Bildungssektor in London. Unter anderem begründete er eine britische Nichtregierungsorganisation (NGO) mit, die Gemeinschaftsnetze in staatlichen Schulen förderte. «Aber ich wollte aus meiner Komfortzone ausbrechen und etwas erreichen in dem Bereich, mit dem ich mich jahrelang auseinandergesetzt habe», erklärt er.

Ein Freund schickte ihm einen Link zu einer Stellenanzeige. Darin wurde nach einem LGT Impact Fellow mit Erfahrung in Organisationsstrategie und operativer Planung gesucht, der bei Educate Girls arbeiten würde. Hayman freute sich auf die Möglichkeit, eine Organisation mitzugestalten, die das Leben von Kindern massgeblich beeinflusst. «Hinzu kam, dass ich eine neue Kultur kennenlernen würde. Es schien wie die perfekte Stelle für mich», erinnert er sich.

Am Ende blieb er zusätzliche sechs Monate bei Educate Girls – wie viele andere Fellows, die zum Wachstum einer Organisation beigetragen haben. Heute ist die NGO äusserst erfolgreich. Seit ihrer Gründung 2007 sind mehr als 300 000 Mädchen eingeschult worden, 93 Prozent von ihnen blieben im Unterricht. Bis 2021 will Educate Girls seine Reichweite um 56 Prozent auf über 2.5 Millionen Kinder erhöhen.

Ausserdem fokussiert die Organisation mithilfe von digitalen Lernmaterialien auch zunehmend auf die Unterrichtsqualität. Dank dieser Massnahmen haben mehr als 650 000 Schüler ihre Lernergebnisse verbessert. Vaishnav schlussfolgert: «Dies ist eine Partnerschaft, bei der beide Seiten, LGT Venture Philanthropy und Educate Girls, dieselbe Agenda haben: das Leben marginalisierter Mädchen in den ländlichen, abgelegenen und unterversorgten Gebieten Indiens spürbar zu verbessern. Wir erreichen das in kleinen Schritten – jedes einzelne Mädchen zählt.»

Philanthropisches Engagement

Educate Girls ist seit 2011 eine Portfolioorganisation von LGT Venture Philanthropy. Zusätzlich zur finanziellen Unterstützung profitiert die Organisation vom betriebswirtschaftlichen Know-how und dem Netzwerk von LGT VP. 

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