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Schwimmende Staubsauger

4. Juni 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Simon Usborne, Gastautor

Plastik Meer Verschmutzung

Innovative Projekte sollen unsere Ozeane säubern. Ist das überhaupt machbar oder liegt die einzige Lösung bei den Konsumenten?

Manchmal ereignen sich in den Ozeanen Tragödien, die das Ausmass eines Problems sichtbar machen, das sonst nur schwer vorstellbar ist. Denken Sie an die fleischfüssigen Sturmtaucher vor der Küste Australiens, deren Küken bis zu 40 Plastikstücke geschluckt hatten, bevor sie ihre Nester überhaupt verliessen. Wie Wale und andere Meeresbewohner verwechseln die Vögel Plastik mit Nahrung. Wissenschaftler fanden einen älteren Vogel mit 260 Gegenständen und Stücken, die ihn von innen getötet hatten, darunter Flaschenverschlüsse und Stiftdeckel.

Während Nachrichtensendungen und Dokumentarfilme mit grossem Budget entscheidend dazu beitragen, der giftigen Wirkung von Kunststoffen in unseren Meeren ein Gesicht zu geben, könnte man selbst dem wohlmeinenden Verbraucher verzeihen, wenn er die schrecklichen Bilder mit einem gewissen Fatalismus begrüsst. Wie können wir jetzt noch eine Wende herbeiführen?

Es ist schwer genug, sich die Menge an Plastik im Meer vorzustellen, von der mehr als 80% vom Festland stammt. Geschätzt wird, dass jedes Jahr 12 Millionen Tonnen Plastik in unsere Ozeane gelangen. Doch die enorme Aufmerksamkeit, die diese Verschmutzung in den letzten Jahren auf sich gezogen hat, spornt Unternehmen und Innovatoren zum Handeln und einen Wettlauf um Lösungen an – und eine Debatte darüber, wie diese aussehen sollten.

Boyan Slats The Ocean Cleanup
Ein grosses C: So sieht Boyan Slats Lösung zur Säuberung des Ozeans aus. Bild: The Ocean Cleanup

Ende letzten Jahres testete ein niederländischer Wissenschaftler ein gigantisches schwimmendes Gerät, das auf das berüchtigte Great Pacific Garbage Patch abzielt – eine wirbelnde Müllinsel, die grösser ist als Frankreich. Boyan Slat konzipierte ein 600 Meter langes schwimmendes Rohr in Form eines riesigen C. Es bewegt sich mit den Meeresströmungen, aber ein Anker verlangsamt es leicht, sodass sich der Müll in einer Art Netz unter dem Rohr sammelt. Von Zeit zu Zeit kommt ein Schiff, um den Abfall herauszuziehen.

Slat plant, das Säuberungsprojekt so weiterzuentwickeln, dass es auch grössere Geräte umfasst, die in einer Flotte arbeiten. Finanziert würde der Betrieb durch den Verkauf des zurückgewonnenen Kunststoffs an Recycling-Anlagen. In sein Projekt investiert haben unter anderen Danone, das Unternehmen hinter Marken wie Evian, das auch zur Finanzierung von Abfangvorrichtungen beigetragen hat. Diese werden in Flüssen und anderen Wasserläufen platziert und verwenden ein ähnliches Netz, um den Abfall zu einem solarbetriebenen schwimmenden Müllschiff zu leiten, das ihn herausfiltert, bevor er den Ozean erreicht.

Trond Lindheim's SpillTech robot
Trond Lindheim, Gründer von SpillTech, mit seinem CleanSea Robot. Bild: SpillTech AS

Das norwegische Unternehmen SpillTech hat mithilfe von Technologien, die zur Bekämpfung von Ölverschmutzungen entwickelt wurden, eine Reihe von Vorrichtungen entwickelt, die auch Plastik auf dem Weg in die Meere abfangen. Ihr Clean Sea Robot ist ein intelligentes, autonomes Schiff, das mit Hilfe von Fernerkundung und Kameras Abfall auf der Wasseroberfläche aufspürt und verwertet. Das funktioniert also fast wie ein riesiger schwimmender Staubsauger.

Aber die Rückgewinnung von Kunststoffen – insbesondere in der Tiefsee, wo Partikel schnell ausserhalb der Reichweite von Abschöpfvorrichtungen absinken – ist ein heikles Geschäft. Das schwimmende Rohr von Slat hat ein enormes Medieninteresse geweckt und Investitionen in Millionenhöhe erhalten. Schliesslich war eine innovative Lösung heiss begehrt. Aber mehrere Ozeanographen haben die Skalierbarkeit – und die Wirksamkeit – eines solchen Systems in Frage gestellt und gleichzeitig Bedenken geäussert, dass das Säuberungsprojekt die Aufmerksamkeit von dem grösseren Problem abgelenkt hat: der Quelle des Plastiks.

Prävention oder Heilung?

Slat würde dem Argument – zumindest teilweise – zustimmen, dass die Säuberung des Blutes weniger wichtig ist als die Stilllegung der Wunde. Geräte in Flüssen tragen dazu bei, den Schwerpunkt flussaufwärts zu verlagern. Und jeder Versuch, Plastik aus natürlichen Lebensräumen zu entfernen, ist lohnenswert. Aber die Grundursache des Problems ist die moderne Lebensweise und der Plastik in unserem Alltag.

"Ich glaube nicht, dass es realistisch betrachtet eine Möglichkeit gibt, die Kunststoffe aus dem Ozean zu holen", sagte Chris Cheeseman, ein Experte für Meeresabfälle am Imperial College London, gegenüber dem Telegraph im vergangenen Jahr. "Was wir tun müssen, ist verhindern, dass sie überhaupt erst in den Ozean gelangen."

Plastik Verschmutzung Meer
Wer trägt die Verantwortung für den Plastik im Meer? Bild: The Ocean Cleanup

Doch selbst wenn ein gewisser Fatalismus gerechtfertigt ist, wenn wir uns die Menge des Kunststoffs im Meer ansehen: Es bleibt schwierig, den Strom an Plastik aufzuhalten. Es gibt zum Beispiel eine Debatte darüber, wer für den Abfall Verantwortung trägt: die Verbraucher oder die Unternehmen, die immer noch Plastik in unser Leben pumpen? Reicht es aus, wenn Einzelpersonen, berührt von den Szenen der Zerstörung und des Leids im Meer, ihr Verhalten ändern und Veränderungen in den Lieferketten und in der Produktion vorantreiben? Oder sollten Regierungen grösseren Druck auf die Konzerne ausüben und ihnen Anreize bieten, von oben Veränderungen herbeizuführen?

Am Ende wird das Überleben von Walen, Vögeln – und die Vielfalt des bedrohten Lebens im Meer – von beiden Dingen abhängen. Und wenn Slat und Innovatoren wie er weiterhin Wege finden, um zumindest einen Teil des bestehenden Problems anzugehen, werden die Geschöpfe der Tiefe es ihnen danken. In der Zwischenzeit werden sie weiterhin die Produkte unserer Bequemlichkeit schlucken.

Das Thema Plastik ist nicht das einzige Umweltproblem, mit dem die Welt derzeit zu kämpfen hat. Wenn wir es nicht schaffen, unsere CO2-Emissionen in den nächsten Jahren massiv zu verringern, rechnen Experten mit schwerwiegenden Folgen für die Menschheit. Unsere Gesellschaft steht also vor grossen Herausforderungen. Die LGT ist davon überzeugt, dass alle ihre gesellschaftliche und unternehmerische Verantwortung wahrnehmen und einen Beitrag für eine lebenswerte Zukunft leisten müssen. Die LGT tut dies in unterschiedlichen Bereichen – in welchen, sehen Sie hier.

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