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Solar-Licht für die Massai

3. Februar 2020

Lesezeit: 12 Minuten

von Bettina Rühl, Gastautorin

M-KOPA Solar bringt Menschen in Kenia Licht aus Solarenergie.

Fünf Millionen Haushalte in Kenia haben keinen Strom. In der Nacht brauchen sie Lampen, die teures Petroleum verbrennen und gesundheitsschädliche Russpartikel freisetzen. Das Sozialunternehmen M-KOPA Solar hilft diesen Menschen und erwirtschaftet gleichzeitig Gewinn.

Die Kenianerin Faith Papai Saltaban gehört zum Hirtenvolk der Massai, auch wenn man ihr das dauf den ersten Blick nicht ansieht: Anstelle der traditionellen bunten Stoffe trägt sie ein T-Shirt zum schlichten Wickelrock und verzichtet auf Schmuck. Die Massai leben schon Jahrhunderte auf der Hochebene im Schatten der Ngong-Berge. Verglichen mit dem quirligen Grossstadtleben in der Hauptstadt Nairobi, nur 40 Kilometer entfernt, ist in den Hütten der Massai noch vieles wie früher. 

«Weder ich noch mein Mann haben einen richtigen Job, wir hangeln uns so durch», sagt Faith. «Wir leben von unseren Tieren», ergänzt ihr Mann Nicholas Saltaban, der einen grünen wattierten Over­all trägt. Von ihren Herden haben die Massai schon immer gelebt, aber die Saltabans sind zugleich offen für die Moderne. Das merkt man nicht nur an der Kleidung des Paares oder daran, dass die Kinder in die Schule gehen.

Eine rätselhafte Gerätschaft

Auch die beiden Glühbirnen an der Decke ihrer Wellblechhütte sind modern. Dass sie überhaupt leuchten, verdanken die Saltabans der Sonne, einem Solarpanel, einer Batterie und der modernen Kommunikationstechnologie. «M-KOPA Solar III» heisst das Paket, das Leben von Faith und Nicholas im November 2014 deutlich veränderte. «Bis dahin hatten wir zur Beleuchtung nur die Petroleumlampe», erzählt Faith. Deren Rauch liess die Augen tränen und verursachte Hustenreiz. Ausserdem war das Petroleum teuer und das Licht zu allem Überfluss auch noch schwach. 

Einige Jahre zuvor kam ihr Schwager mit einer etwas rätselhaften Box von der Stadt nach Hause. Wenig später war es hell in seiner Hütte, und das völlig ohne den lästigen Rauch. «Das sprach sich herum wie ein Lauffeuer», erinnert sich Faith. So pilgerten die Massai der Gegend zur Hütte des ersten Kunden von M-KOPA Solar in der Region.

Massai Faith Papei Saltaban inmitten ihrer Ziegenherde.
Faith Papei Saltaban inmitten ihrer Ziegenherde.

Riesiges ökologisches und soziales Potenzial

«Wir haben einen riesigen Bedarf gesehen, und einen ebenso grossen Markt», sagt Jesse Moore, einer der drei Gründer und der Geschäftsführer von M-KOPA Solar. Der Kanadier gründete die Firma mit Sitz in Nairobi 2012 gemeinsam mit zwei Partnern. Aber vor der Unternehmensgründung stand die Innovation. «Wir haben weder die Solarenergie erfunden, noch kleinere und halbwegs preiswerte Solarsysteme für Konsumenten in Afrika», stellt Moore klar. Stattdessen sei das Innovative an M-KOPA Solar die Verbindung mehrerer Erfindungen zu einem für afrikanische Haushalte erschwinglichen Solarsystem, das auf Kredit gekauft und per Handy-Geldtransfer in kleinen täglichen Raten abgezahlt werden kann. 

«Kopa» ist Swahili und bedeutet «leihen». Das «M» ist eine Abkürzung von «mobil» und in Kenia durch «M-PESA» bekannt, dem weitverbreiteten bargeldlosen Zahlungsverkehr über Mobiltelefone. Nick Hughes, Gründungspartner und Vorstandsvorsitzender von M-KOPA Solar, hat vor einigen Jahren schon «M-PESA» erfunden.

Dass der Management-Absolvent Moore mit seiner Tätigkeit Geld verdient, ist nicht die treibende Kraft seiner Motivation. Vielmehr ist es der Wunsch, eine gesellschaftliche Veränderung zu bewirken, das Leben der ärmeren Bevölkerung in Kenia und anderen ostafrikanischen Staaten zu verbessern.

35 Cent pro Tag

Zu dem Paket, das der Kunde kauft, gehören ein kleines Solarpanel, eine acht Watt Lithium-Ionen-Batterie, zwei Glühbirnen, eine Taschenlampe und ein solarbetriebenes Radio. Das ist mit dabei, weil die Bedeutung des Radios in Afrika bis heute kaum hoch genug zu bewerten ist – viele Menschen sind Analphabeten und Fernsehgeräte für die Mehrheit zu teuer. 

Die Grundausstattung eines M-KOPA-Solar-Systems: zwei Glühbirnen, eine Taschenlampe und ein Radio.
Die Grundausstattung eines M-KOPA-Solar-Systems: zwei Glühbirnen, eine Taschenlampe und ein Radio.

Das Innovative des M-KOPA-Solar-Paketes befindet sich mitsamt der Batterie in einer handlichen und unscheinbaren Box: eine SIM-Karte, die wie bei einem Handy mit der Zentrale des Unternehmens kommuniziert. Über diese Karte laufen die Wartung und Fehlerkontrolle des Solarsystems. Darüber wird aber auch kontrolliert, ob der Kunde seine Raten bezahlt hat und das Solarpanel «freigeschaltet» bleibt. 

Die täglichen Raten von umgerechnet rund 35 Eurocent werden vom Handy an die Box des Solarsystems geschickt. Nach einem Jahr oder 365 Raten gehört das Solarsystem dem Käufer. Allerdings müssen die Kunden umgerechnet knapp 29 Euro anzahlen, ehe sie das Paket mit nach Hause nehmen können. «Insgesamt kostet unser System also rund 200 Dollar», sagt Moore, umgerechnet knapp 180 Euro.

Jährlich wird eine Milliarde Dollar verbrannt

«Projekte, die auf Dauer bezuschusst werden müssen, haben einfach ihre Grenzen», erklärt der Geschäftsführer die Entscheidung für den kommerziellen Vertrieb. Er und seine beiden Partner wollen die kleinen Solarsysteme aber nicht nur aus Gründen der Profitmaximierung an möglichst viele Haushalte vertreiben. Sondern auch, so Moore, «weil Solarenergie viel weniger schädlich ist als Petroleum, und weil die Familien durch unser System auf Dauer viel Geld sparen können». 

Allein in Kenia gebe es fünf Millionen Haushalte ohne Stromanschluss. «Es werden jedes Jahr eine Milliarde Dollar regelrecht verbrannt für Petroleum. Wenn wir nur zehn Prozent des gesamten Marktes abgreifen, reden wir schon über einen Umsatz von 100 Millionen Dollar», fasst Moore seine Rechnung zusammen.

Zu Hause bei den Otienos: Allergisch gegen Petroleum

Vom Firmensitz ist es nicht weit bis zur Hütte von Emilie Auma Otieno, sie wohnt in Kawangare, einem der vielen Slums von Nairobi. Nach jedem Regen drückt sich der Müll in die schlammigen Gassen. Das Rinnsal neben dem Hauptweg führt Fäkalien, Plastiktüten und andere Überbleibsel mit. Es gibt keine Kanalisation, kein fliessendes Wasser aus der Leitung, keinen Strom. Nach Schätzungen lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Nairobi in einem der Slums, rund 2.4 Millionen Menschen.

Emilie Auma Otieno mit ihrem Sohn Lourance vor ihrer Hütte im Slum Kawangare.
Emilie Auma Otieno mit ihrem Sohn Lourance vor ihrer Hütte im Slum Kawangare.

Emilie steht im Türrahmen, ihren Sohn Lourance auf dem Arm. «Kommt rein», fordert Emilie auf. Die Wände ihrer Hütte sind mit Zeitungen verkleidet und mit Kalenderblättern geschmückt. Emilies Reichtum liegt auf dem Dach der Nachbarn gegenüber: ein kleines Solarpanel, die Box dazu steht neben der Eingangstür. Die Anschaffung fiel Emilie nicht leicht, für sie und ihren Mann Steven waren die umgerechnet knapp 29 Euro Anzahlung eine grössere Investition. «Zwei Monate mussten wir sparen», erzählt sie. Umgerechnet rund 14 Euro monatlich beträgt die Miete der Hütte, fast die Hälfte dessen, was ihr Mann als ungelernte Kraft auf Baustellen im gleichen Zeitraum verdient. Sie selbst arbeitet nebenbei als Friseurin, das bringt zusätzlich zwischen fünf und sieben Euro im Monat. 

Ungeachtet ihrer knappen Mittel wollten sie das Solarsystem unbedingt haben. «Lourance ist gegen Petroleum allergisch», erzählt die junge Mutter, «er bekam kaum noch Luft.» Ein Arzt riet Emilie, auf Petroleum künftig zu verzichten. «Seit wir das tun, geht es ihm besser.»

Zu Hause bei den Saltabans: Länger durchhalten

Währenddessen hat Faith Papei Saltaban rund 40 Kilometer südwestlich ihre Ziegen nach Hause geholt und in ein rundes Gehege aus Ästen gesperrt. Ihre Kinder Mike, Alice und Precious sind zeitgleich mit den Tieren nach Hause gekommen. Für die Massai-Familie ist das Solarsystem nicht mehr wegzudenken. Jeden Tag haben sie abends länger Licht. Ausserdem halten die Kinder bei den Hausaufgaben länger durch, seit ihnen der Qualm des Petroleums nicht mehr in die Augen steigt. 

Im Schein der solarbetriebenen Lampe machen die Kinder Rosemarie, Alice und Precious ihre Hausaufgaben.
Im Schein der solarbetriebenen Lampe machen die Kinder Rosemarie, Alice und Precious ihre Hausaufgaben.

Nach dem Abendessen zieht sich Faith zum Handarbeiten in das elterliche Schlafzimmer zurück. Im Schein der Solarlampe sitzt sie jeden Abend auf ihrem Bett und fädelt Perlen auf Schnüre. Stunde um Stunde wächst unter ihren Händen der Schmuck der Massai. Den verkauft sie in Nairobi, ein wichtiges Zubrot für die Familie. «Früher habe ich pro Nacht immer nur eine Stunde durchgehalten», erzählt sie, «dann brannte mir der Qualm des Petroleums in den Augen.» Jetzt arbeitet sie doppelt so lange, bis sie vor Müdigkeit nicht mehr kann. Bevor die Saltabans einschlafen, hängen sie noch ihre Telefone ans Ladegerät, denn ohne Handys ist auch für die Massai kein Tag mehr vorstellbar.

Bilder: Siegfried Modola

Soziale und ökologische Probleme können die Ursache für politische Konflikte und enorme wirtschaftliche und moralische Herausforderungen sein. Eine Vielzahl von Menschen hat Schwierigkeiten, Zugang zu grundlegenden Produkten und Dienstleistungen zu erhalten, die ihre Grundbedürfnisse stillen – wie medizischen Versorgnung, Bildung oder Energieversorgung. Die Stiftung LGT Venture Philanthropy will die Lebensqualität benachteiligter Menschen nachhaltig verbessern, indem sie Organisationen wie M-KOPA Solar unterstützt. 

Dieser Beitrag ist erstmals im LGT Kundenmagazin CREDO erschienen.

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