Skip navigation Scroll to top
LGT
VALUES WORTH SHARING
Scroll to top

"Weissweingebiete wechseln die Farbe"

13. August 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Laura Gianesi, LGT

r

Stefan Tscheppe, Geschäftsführer der Hofkellerei des Fürsten von Liechtenstein, über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Weinanbau und worauf bei einem Investment in edle Tropfen zu achten ist. 

Herr Tscheppe, wie schätzen Sie die Zukunft des Weinanbaus angesichts der Klimaerwärmung ein? 

Pointiert formuliert: Die typischen Weissweingebiete werden die Farbe wechseln. Seit den Siebzigern ist es möglich, frische und trockene Weissweine auch ausserhalb der traditionell starken Anbaugebiete wie Deutschland und Norditalien zu produzieren. Das verdanken wir vor allem neuen Technologien wie der gesteuerten, gekühlten Vergärung, dank der durch niedrigere Temperaturen die Gärung verlangsamt und somit der Aromareichtum der Weine erhalten und ihre allgemeine Entwicklung begünstigt wird. Wo zuvor kein Wein angebaut wurde, wird jetzt also Weisswein gekeltert. Und wo zuvor Weisswein angebaut wurde, rechne ich künftig mit mehr Rotwein. 

Warum sollten Weissweingebiete vermehrt Rotwein anbauen?

Durch die Klimaerwärmung wird in bereits sehr heissen und trockenen Gebieten die natürliche Produktion von Säure in den Trauben erschwert. Die hohen Zuckergradationen führen zu hohen Alkoholgehalten. Selbst mit erlaubter Zugabe von Zitronensäure enthält reifes Traubengut sehr hohe Alkoholwerte. Diese drücken sich geschmacklich in alkoholischer Süsse aus. Ein solcher Weinstil entspricht nicht den Erwartungen des Grossteils der Weissweinfreunde. Deshalb dürfen wir in Zukunft aus diesen Gebieten wieder vermehrt Rotweine erwarten.  

Hofkellerei
Die Weingüter der Hofkellerei liegen im österreichischen Wilfersdorf und im liechtensteinischen Vaduz.

Lässt sich der Weisswein in diesen Gebieten noch retten?

Ja, es gibt Möglichkeiten. Einige Rebsorten wie zum Beispiel der Viognier binden höhere Alkoholgehalte sehr gut ein. Generell tun Winzer gut daran, in trockenen und sehr heissen Gebieten wieder auf die autochthonen, das heisst seit langem bewährten, lokalen Rebsorten zurückzugreifen. Bekanntere Rebsorten wie den Chardonnay oder den Sauvignon Blanc, die sich dort nicht optimal eignen, sollten besser ersetzt werden. 

Man kann heute schon beobachten, dass sich der Weinbau weiter Richtung Norden verschiebt. Wird diese Entwicklung weitergehen? 

Mit einer nördlichen Ausdehnung rechne auch ich. Die richtigen Anbaugebiete zu finden wird jedoch viel Zeit beanspruchen. Spätfroste, Bodenstruktur, Niederschläge – viele Faktoren spielen eine Rolle, wenn wir sogenannte «grosse Weine» von «guten Weinen» unterscheiden. Gute Weine kann man vielerorts produzieren, grosse Weine nur in Gebieten, wo alle Faktoren perfekt zusammenwirken. Sie entstehen auch nicht über Nacht, sondern sind das Ergebnis vieler Jahre im Rebberg. 

Wie äussert sich der Klimawandel in Wilfersdorf und Vaduz, den Domänen der Hofkellerei?

Die starken Klimaschwankungen, vor allem unregelmässige Niederschläge und extreme Temperaturen, haben in der Vergangenheit wiederholt zu einem verfrühten Austrieb geführt. Das heisst, dass die Temperaturen früher als sonst stiegen, die Reben nach der Winterruhe dementsprechend früher zu wachsen begannen und die Winterknospen bereits aufbrachen. Dann kehrte der Winter jedoch nochmals mit voller Wucht zurück. Der Schnee fiel, die Erde gefror, die Knospen gingen ein. Die Ernte fiel bis zur Hälfte aus. Das geschah beispielsweise im April 2016. 

Diversifiziert durch die Jahrhunderte

Dank einer konsequenten Diversifikationsstrategie konnte das Liechtensteiner Fürstenhaus zahlreiche wirtschaftliche und politische Krisen überstehen und das Familienvermögen über Generationen erhalten und mehren. Ursprünglich in der Land- und Forstwirtschaft tätig, haben die Liechtensteiner Fürsten die Produktion in ihren Betrieben ständig modernisiert und ihr Unternehmensportfolio laufend den Bedürfnissen der Zeit angepasst. Heute zählen neben den Agrarbetrieben auch die LGT als Finanzgruppe zum Unternehmensportfolio der Fürstenfamilie, sowie eine Produktionsfirma für Containerpflanzen, der amerikanische Hybridreisproduzent RiceTec, Stiftungen wie eine der weltweit bedeutendsten Kunstsammlungen und auch die Hofkellerei. Zu letzterer gehören die Weingüter im österreichischen Wilfersdorf und im liechtensteinischen Vaduz. 

Und die heisseren Sommer dürften ebenfalls ein Problem sein.

Genau. In den Rebbergen im nordöstlichen Teil Österreichs wurde das Klima in den letzten Jahren deutlich trockener und die Höchsttemperaturen im Sommer stiegen um bis zu drei Grad an. Letztes Jahr war die Niederschlagsmenge während der Sommermonate extrem gering. In der Folge gerieten die Junganlagen in einen Trockenstress. Das hat die erste Ernte um ein ganzes Jahr verschoben. 

Hofkellerei Liechtenstein Wein
Der Winzer erkennt den perfekten Erntezeitpunkt.

Natürlich hilft da eine intensivierte Wasserversorgung. Welche Massnahmen haben Sie sonst noch ergriffen?

Wir bearbeiten die Laubwand, also die Teile der Rebe mit den Blättern, konsequent in intensiver Handarbeit. Erreichen wollen wir dadurch eine ausreichende Beschattung der Trauben als Schutz vor Verbrennungen der Beerenschale, die ihr Aroma verändern würden, sowie eine geringere Verdunstung bei Trockenheit und eine gesunde Durchlüftung der Blätter und Trauben. Ausserdem öffnen wir den Boden unter jeder zweiten Rebzeile, um den Wasserhaushalt zu regulieren. Generell ist die Wasserspeicherkapazität der Böden in Vaduz und Wilfersdorf aber gut – es handelt sich beide Male um erstklassige Lagen. 

Eine weitere Massnahme ist die Grünlese. Noch im Sommer nehmen wir grüne Trauben vor der Verfärbung ab. Dadurch konzentriert sich die Kraft der Rebe auf die noch verbleibenden Früchte – das macht den Wein am Ende gehaltvoller, da der Rebstock alle Ressoucen nun auf weniger Trauben verteilen kann. Die grösste Herausforderung hierbei ist es, die Kurve der Zuckergradation mit der Kurve der physiologischen Reife der Traube abzustimmen. 

Hofkellerei Liechtenstein
Erreichen Weintrauben die perfekte Balance, wird geerntet.

Wie machen Sie das?

Der Traubenmost für einen Qualitätswein muss ein Mindestmass an Zucker enthalten. Die physiologische Reife, also der Reifegrad der Traube, erkennt man am Geschmack und an der Farbe der Traubenkerne – umso brauner, umso reifer. Nur wenn sich physiologische Reife und Zuckergradation in richtiger Balance befinden, kann man am Ende frische, strukturbetonte Weine keltern.  Weichen die beiden Kurven zu stark voneinander ab, so kommt es zu durch zu hohen Zuckergehalt zu alkoholreichen Weinen mit wenig Struktur. Die Aufgabe des Winzers ist es also, zu erkennen, wann der Zeitpunkt da ist, an dem Säure, Reife und Zuckergradation die optimale Balance halten. Dann wird geerntet. 

Wie hat sich Ihr Wein in den letzten Jahren verändert? 

Unsere Weine – tendenziell gilt das aber für alle – sind in den letzten Jahren durchwegs reifer, strukturierter und qualitativ einheitlicher geworden als dies beispielsweise in den achtziger Jahren der Fall war. Wenn wir in unserer Vinothek bis in die siebziger Jahre zurückkosten, fallen vor allem die starken jahrgangsbedingten Schwankungen in Balance und Qualität auf. 

Hofkellerei Liechtenstein Wein
Prinzessin Marie von Liechtenstein unterstützt die Hofkellerei im Bereich Marketing und Vertrieb.

Worauf führen Sie diese konstant verbesserte Qualität der Weine zurück? 

Heute ist es im Vergleich zu früher einfacher, eine durchgängig hohe Basisqualität zu erreichen. Das schaffen wir, indem wir die Weingärten modern, also unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, bewirtschaften, die Lesezeitpunkte auf die Entwicklung der Trauben abstimmen und die passenden Hefestämme zur Vergärung auswählen. Im Vergleich zu den Weinen der späten Achtziger- und Neunzigerjahre sind ausserdem die Alkoholwerte der heutigen Weine um durchschnittlich etwa ein Prozent gestiegen. Das lässt die Aromen stärker heraustreten.

Sprechen wir noch über einen anderen Aspekt: Worauf muss man achten, wenn man in Weine investieren will? 

Eine Investition in Weine hat zumeist einen langfristigen Horizont. Einige Rebsorten eignen sich grundsätzlich zur Lagerung und profitieren von der Flaschenreife. Dazu gehören die klassischen Bordeauxsorten oder deren Cuvées aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Petit Verdot und Malbec, sowie Burgundersorten wie Chardonnay und Pinot Noir oder Riesling und Grüner Veltliner. Auch Barbarescos aus der Nebbiolotraube, sowie Süssweine der Kategorien Trockenbeerenauslese, Eiswein und Portweine gehören dazu. Unbedingt sollte man auf eine Kombination verschiedener Faktoren achten: Da wären die Reserven, weil eine längere Lagerung eine gute Ausreifung voraussetzt, sowie Frische, also Säure, und ein balancierter Alkoholgehalt.  Generell reifen die meisten höherwertigen Weine für gut drei bis fünf Jahre. Ideale Voraussetzungen für noch längere Reife bieten aber Weine von Betrieben, die schon in der Vergangenheit Erfahrung im Ausbau lagerfähiger Weine mit Entwicklungspotential bewiesen haben. Deshalb empfehle ich, vor dem Kauf auch ältere Jahrgänge eines Weinguts zu verkosten oder sich über aktuelle Bewertungen reiferer Jahrgänge zu informieren. 

Hofkellerei Liechtenstein Wein
"Gute Weine kann man vielerorts produzieren, grosse Weine nur in Gebieten, wo alle Faktoren perfekt zusammenwirken."

Wie kann man sich am besten informieren?

Es gibt eine Vielzahl renommierter Kritiker, beispielsweise Robert Parker aus den USA, Decanter oder Jancis Robinson aus Grossbritannien, der Gambero Rosso aus Italien, Falstaff aus Österreich oder auch Bettane et Desseauve aus Frankreich. Generell empfehle ich, zumindest drei bis sechs Flaschen eines bestimmten Weins einzulagern. So kann man ihn nach einiger Zeit probieren und, sollte er noch nicht das gewünschte Geschmacksbild erreicht haben, dann noch weiter reifen lassen. Ist dann der ideale Trinkzeitpunkt erreicht – bei renommierten Weingütern werden diese in den Verkostungsnotizen angeführt – hat man dann noch einige ausgewählte Flaschen für für den Wiederverkauf. Oder den persönlichen Genuss.

Bilder: www.hofkellerei.li

Mehr vom LGT Online Magazin?

Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse und erhalten per Newsletter regelmäßig das Aktuellste vom LGT Online Magazin.
Newsletter abonnieren