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Zukunftsmodell Leasing in Kenia

19. Februar 2020

Lesezeit: 7 Minuten

von Bettina Rühl, Gastautorin

Naboisho-Schutzgebiet

In Kenia verleasen Massai ihren Landbesitz an das Naboisho-Schutzgebiet. Das einzigartige Modell zeigt, wie nachhaltiger Tourismus Natur und Bevölkerung schützt – und zugleich den Massai hilft, sich weiterzuentwickeln, ohne ihre Traditionen zu verraten.

Es ist halb sechs am Morgen als Daniel Korio, Hirte aus dem Volk der Massai, aufwacht. Der drahtige Mann schlüpft unter dem Moskitonetz hindurch aus dem Bett und steigt in seine schwarzen Gummistiefel. Kaum hat er die Schwelle seines kleinen Hauses überschritten, wandert sein Blick über seine "Manyatta", das Zuhause seiner Familie im Südwesten Kenias. Neben seinem Haus, in dem er mit seiner Hauptfrau Kerempe lebt, stehen die Wohnhäuser seiner Nebenfrau, seiner vier Brüder und die traditionelle Hütte seiner Mutter, eine fensterlose Behausung aus getrocknetem Kuhdung und Lehm. 

Das Wichtigste ist aber der Kraal, in dem die eigenen Kühe, Schafe und Ziegen die Nacht verbringen. "Früher waren die Rinder unser ganzer Stolz, unser Überleben hing von ihrer Gesundheit ab", sagt der 32-jährige. Inzwischen ist das etwas anders. Daniel Korio bezieht jeden Monat ein Gehalt in Höhe von 11 000 Kenia-Schilling, was knapp 110 Schweizer Franken entspricht. Das ist etwa ein Viertel des Betrags, den er monatlich für seine Familie benötigt. Das Geld erhält er, weil er sein Land an das Naboisho-Schutzgebiet verleast.

Daniel Korio prüft jeden Abend, ob alle Tiere unverletzt sind.
Daniel Korio prüft jeden Abend, ob alle Tiere unverletzt sind.

In Naboisho haben inzwischen 554 Massai-Landbesitzer solch einen Leasingvertrag unterzeichnet. Das für seinen Wildbestand bekannte Schutzgebiet ist bei Touristen ein beliebtes Reiseziel. Es liegt am Rande des weltbekannten Nationalparks Masai Mara.

Verheerende Dürre

Daniel stapft durch den von den Regengüssen der vergangenen Tage schlammigen Boden zu dem Gehege und öffnet das hölzerne Gatter. Rund 50 Rinder drängen sich mit den Schafen und Ziegen heraus. Wie jeden Morgen tastet Daniel ihre Leiber mit seinen Blicken ab, um Verletzungen oder Krankheiten frühzeitig zu erkennen. In den vergangenen drei Jahren konnte er trotz grösster Fürsorge nicht alle seine Tiere retten, denn Kenia litt unter einer schweren Dürre. "Viele Kühe starben. Die überlebenden Tiere waren so dürr, dass sie beim Verkauf kaum noch Geld brachten." 

Spätestens in solch harten Zeiten hätte er sich den Schulbesuch seiner Kinder früher nicht mehr leisten können, meint Daniel. "Bevor wir unser Land verleast haben, mussten wir immer ein paar Schafe verkaufen, wenn wieder Schulgeld fällig war." Aber während der Dürre war seine abgemagerte Herde nichts mehr wert. So aber konnte er auf die monatlichen Zahlungen für sein Land zurückgreifen. "Ich bin dankbar, dass die Zukunft meiner Kinder nicht mehr vom Regen abhängt", sagt der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter.

Das abendliche Melken gehört zu den Pflichten der Massai-Kinder.
Das abendliche Melken gehört zu den Pflichten der Massai-Kinder.

Privatisierung im Land der Massai

Im frühen Morgenlicht zeichnet sich die Weite des Landes ab. Bis zum Horizont ist nur Buschland zu sehen, keine andere Siedlung. Früher gehörte das Land der Gemeinschaft, und kein Massai wäre auf die Idee gekommen, ein Stück Erde einzuzäunen. Dann entstand neben dem traditionellen Landrecht ein modernes. 2005 privatisierte die kenianische Regierung das Land der Massai in Naboisho. Seitdem können dort auch Mitglieder anderer Ethnien Parzellen erwerben. Dies war der Moment, als die Massai begriffen, dass sie ihrerseits Land zum individuellen Besitz erklären mussten, wenn sie nicht am Ende ohne einen Flecken Erde dastehen wollten.

Eine lebensverändernde Begegnung

Touristen aus aller Welt zahlen viel Geld, um im Schutzgebiet Naboisho auf Safari zu gehen und wilde Tiere in Freiheit erleben zu dürfen. Ein grosser Teil dieser Einnahmen wird dafür verwendet, das Überleben der Massai und den Fortbestand ihrer Kultur zu sichern. Der norwegische Investor Svein Wilhelmsen ist einer der Väter des Modells. 1997 machte er eher zufällig die Begegnung, die sein Leben verändern würde – und das Leben der Massai von Naboisho. 

Ein Ältester der Massai gesellte sich damals zu Wilhelmsen, als er am Ufer des Talek-Flusses für die Nacht campierte. Am Lagerfeuer erzählte der Massai Ole Taek dem Norweger von den Sorgen seines Volkes. Er schimpfte über den klassischen Tourismus im benachbarten Nationalpark Masai Mara, weil die Gewinne an der Bevölkerung komplett vorbeigingen und sein Volk durch den so praktizierten Naturschutz sogar verlor: Die Massai dürften ihre Herden in dem Schutzgebiet nicht weiden, hätten keinen Zutritt mehr zu ihrem angestammten Land. Stattdessen kämen Tausende Reisende im Jahr, doch die Einnahmen aus dem Tourismus hätten sein Volk nicht weitergebracht: Es gäbe noch immer keine Schulen, keine Krankenhäuser, keine Arbeit. Wilhelmsen erinnert sich noch genau an die Warnungen des alten Massai: "Wir können nur mit der Natur überleben. Wenn sie stirbt, stirbt auch unsere Kultur."

Ein Elefantenbulle kommt auf einen Safari-Wagen zu.
Ein Elefantenbulle kommt auf einen Safari-Wagen zu.

Gründung des Schutzgebietes

Gemeinsam entwickelten die beiden ein Modell, wie die Massai an den Einnahmen aus einem nachhaltigen Tourismus beteiligt werden könnten. Ein halbes Jahr nach diesem Gespräch gründete Wilhelmsen das Unternehmen "Basecamp Explorer", 1998 wurde auf Ole Taeks Land die erste Lodge eröffnet, das "Basecamp Masai Mara". Bis aus diesen ersten Schritten das heutige Schutzgebiet Naboisho entstehen konnte, musste erst noch etwas anderes geschehen: die Veränderungen im kenianischen Landrecht. Das Jahr 2005 sei deshalb ein weiterer Meilenstein gewesen, erinnert sich Wilhelmsen. 

In der Privatisierung des Landes lag einerseits eine Chance für Investoren, weil erst jetzt langfristige Absprachen mit Landbesitzern möglich wurden. Andererseits barg sie eine grosse Gefahr für den Fortbestand des Ökosystems mitsamt seinen Tieren. Denn private, eingezäunte Ländereien würden die Wanderrouten und Lebensräume der Wildtiere ebenso durchschneiden wie die Weideflächen der Rinder.

Das Naboisho Schutzgebiet wurde 2010 gegründet.
Das Naboisho Schutzgebiet wurde 2010 gegründet.

Die Gründung des Schutzgebietes Naboisho schien Wilhelmsen und seinen Partnern aus dem Volk der Massai der beste Weg, um beides zu verhindern: Statt das Land in individuell genutztes Bauland, Ackerflächen oder Weiden zu zerstückeln, konnte auf diese Weise ein durchgehendes Gebiet von etwa 20000 Hektar erhalten bleiben.

Lernen als Abenteuer

Nach einem langen Tag in der Savanne hat Daniel Korios Hirte Lepakim die Herde gerade nach Hause zurückgebracht. Ehe sie für die Nacht in den Kraal gesperrt werden, warten die Tiere zwischen den Häusern darauf, dass die Frauen und Kinder der Familie sie melken. Kerempe kocht in einem russgeschwärzten Topf Tee mit frischer Milch. Ihr siebenjähriger Sohn Sebaya erzählt von seinen Erlebnissen in der Schule. "Ich selbst bin nie in die Schule gegangen", sagt Kerempe leise, ihr Bedauern darüber ist hörbar. Noch vor einer Generation schickten die Massai kaum eines ihrer Kinder zur Schule, und die Mädchen schon gar nicht. Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. 

Inzwischen haben die Massai verstanden, dass Bildung der sicherste Weg zu einem höheren Einkommen ist. Kerempe ist deshalb von dem Modell Naboisho ebenso überzeugt wie ihr Mann. «Die Wildtiere locken Touristen an, und die wiederum bringen uns Geld.» Geld, das zum Teil bereits in Schulen, Wasser, Gesundheitsstationen und bessere Strassen investiert wird. Kerempes Meinung nach sollte dies aber noch viel intensiver geschehen. Daniel pflichtet ihr bei: "Früher haben wir nur unsere Rinder gemolken. Heute melken wir im übertragenen Sinne auch die Nashörner, Elefanten und Löwen."

Bilder: Siegfried Modola

Die Mara Naboisho Conservancy und die Dachorganisation der Wildschutzgebiete in der Massai-Mara-Region, die Maasai Mara Wildlife Conservancies Association, werden seit 2016 von LGT Venture Philanthropy nicht nur mit Geldmitteln, sondern auch mit Beratung unterstützt. LGT Venture Philanthropy bietet ihnen Zugang zu Netzwerken und dem LGT Impact Fellowship. Seit 2009 werden jährlich Fellows mit einschlägiger Berufserfahrung rekrutiert, die die verschiedenen Organisationen auf ihrem jeweiligen Expertengebiet unterstützen.

Dieser Beitrag ist erstmals im LGT Kundenmagazin CREDO erschienen.

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