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Deep Tech - Venture zwischen Startups und Wissenschaft

22. Juni 2021

Lesezeit: 9 Minuten

von Karsten Lemm, Gastautor

Deep Tech - Venture zwischen Startups und Wissenschaft (Bild: Lilium)

Wissenschaftliche Exzellenz als Innovationstreiber? Mit Deep Tech beweisen Startups, dass sie keine Angst vor grossen Herausforderungen haben. 

Vier Studenten haben eine Idee: Sie wollen ein Elektroflugzeug bauen, das senkrecht starten und landen kann, umweltfreundlich fliegt, blitzschnell ist und flüsterleise. Alle sind Ingenieure, mit Technik kennen sie sich aus. Ihr Konzept basiert auf jüngsten Forschungsergebnissen und Jahren eigener Arbeit. Die Idee liegt im Trend, sie hat viel Potential. Nur: Wie bekommt man dafür Geld?

"Naivität hilft", sagt Daniel Wiegand. Der CEO und Mitgründer des Münchner Startups Lilium lacht. "Wir wussten am Anfang, wir brauchen Kapital", erinnert sich Wiegand, heute 36, "aber wir dachten nicht, dass wir so viel brauchen würden." Für den Anfang bauten sie einen Prototypen "im Wohnzimmer und in der Garage" und gewannen Deutschlands Star-Investor Frank Thelen für ihre Idee. Der lobt das Gründerteam für seine "smarten Lösungen" und half dabei, weitere Geldgeber an Bord zu holen.

Heute, kaum sechs Jahre nach der Firmengründung, hat Lilium mehr als 350 Millionen Euro an Kapital eingesammelt und gehört mit seinem Ziel, die Luftfahrt neu zu erfinden, zu einer wachsenden Zahl an Jungfirmen, die sich vorgenommen haben, mehr zu erreichen, als das nächste Einhorn aufzubauen. Sie wollen der Welt einen Dienst erweisen, die Gesellschaft voranbringen, Wirtschaft nachhaltig machen. Mithilfe von komplexen Technologien, die kurz vor dem Durchbruch stehen: eben noch im Labor, übermorgen auf dem Markt.

Was ist Deep Tech?

"Deep Tech" nennt sich dieser Trend, der enorm an Dynamik gewonnen hat. Während 2010 in Europa gerade mal 700 Millionen Euro an Startkapital in diesen Sektor flossen, waren es 2019 fast zehn Milliarden, berichtet das Investmentportal Dealroom (PDF). Weltweit pumpten Risikoinvestoren im vergangenen Jahr mehr als 60 Milliarden Dollar (etwa 50 Milliarden Euro) in Deep-Tech-Startups, schätzt die Unternehmensberatung BCG.

Deep Tech Expertin Mariam Kremer (Lightrock)
"Sie schaffen neue Märkte," sagt Lightrock Expertin Kremer zu Deep Tech Unternehmen. Foto © Lightrock.

Der Begriff "Deep Tech" ist dehnbar, er umfasst Biotech und Künstliche Intelligenz ebenso wie Materialforschung, Nanotechnologie, Drohnen, Robotik, Fusionsreaktoren oder Quantencomputer. Der gemeinsame Nenner: Immer liegen die Wurzeln in der Wissenschaft, es geht um "Impact" statt Influencer, um Zukunftstechnologien am Rande des Machbaren. Die Entwicklung kostet Zeit, die Gründer brauchen viel Geld – und Investoren viel Mut zum Risiko.

"Deep-Tech-Unternehmen basieren normalerweise auf einer neuartigen Technologie, die erhebliche Fortschritte gegenüber bestehenden Lösungen auf dem Markt bietet", erklärt Mariam Kremer, beim Londoner Impact Investor Lightrock (einem Schwesterunternehmen der LGT) auf diesen Sektor spezialisiert. "Sie schaffen neue Märkte, und um diese Technologien vom Labor auf den Markt zu bringen, ist erhebliches Kapital erforderlich."

Schon für den ersten Prototypen können 200'000 Euro nötig sein, manchmal auch eine Million oder zwei. "Das macht es natürlich schwierig", sagt Kremer. "Bei E-Commerce können Sie Prototypen einfach mit einer App entwickeln."

Entrepreneurs aus Tradition

Jeder Gründer eines Start-ups muss einen gewissen Unternehmergeist mitbringen um erfolgreich zu sein. Das Fürstenhaus Liechtenstein als Eigentümerin der LGT ist seit Jahrhunderten erfolgreich unternehmerisch tätig. Damit ist unternehmerisches Denken und Handeln fest in der DNA der LGT verankert.

Investment mit "Kopierschutz"

Andererseits lockt die Aussicht, bei Erfolg für die Risikobereitschaft auch weit höher belohnt zu werden. Da die Produkte auf jahrelanger Forschung basieren, ist das geistige Eigentum der Entwickler in der Regel gut geschützt – sei es durch Patente oder weil Nachzüglern das Knowhow fehlt, um im Handumdrehen Konkurrenzprodukte auf den Markt zu bringen. "Das ist natürlich ein wahnsinniger Wettbewerbsvorteil", sagt Kremer.

Zunehmend spielt für Anleger auch das Argument eine Rolle, Firmen zu finanzieren, die nicht nur den Wohlstand der Teilhaber mehren, sondern die Gesellschaft insgesamt voranbringen. Der Markt für Investments, die als nachhaltig gelten, weil sie so genannten ESG-Richtlinien folgen, wird auf weltweit 38 Billionen Dollar geschätzt: eine Summe, so gross wie das gemeinsame Bruttosozialprodukt der USA, Chinas und Japan.

Philipp Furler (Synhelion)
"Der Markt ist riesig." Philipp Furler (Synhelion) zu klimaneutralen Treibstoffen. Foto © Synhelion.

Für Gründer, die an gesellschaftlich relevanten Herausforderungen arbeiten, erhöht das die Chance, Startkapital zu erhalten – selbst wenn sie Jahre brauchen, um ihr Ziel zu erreichen. So wie das Team der Schweizer Firma Synhelion. Ihre Technologie, die aus Forschungsprojekten an der ETH Zürich entstanden ist, nutzt Sonnenlicht, um synthetische Treibstoffe herzustellen. Dabei wird der Atmosphäre CO2 entzogen, sodass die Treibstoffe klimaneutral sind.

Im Labor funktionierte das erstmals 2010. Seit der Firmengründung 2016 ging es darum, die Idee marktreif zu machen: "Wir haben in den letzten Jahren die Schlüsselkomponenten auf industrielle Grösse skaliert", berichtet Technologiechef Philipp Furler. In diesem Sommer will seine Firma auf dem Solarturm der DLR in Jülich bei Aachen die Produktion testen. Geht alles gut, soll 2022 eine Anlage folgen, die 10.000 Liter Treibstoff im Jahr herstellen kann. "Das reicht um ein paar Kleinflugzeuge zu betanken", sagt Furler. Er muss lachten: Gewiss, das genügt noch nicht, um die Welt zu verändern.

Aber die Schweizer haben ehrgeizige Ziele. Bis 2040 will Synhelion 40 Millionen Tonnen Treibstoff produzieren können. Das würde mehr als die Hälfte des europäischen Bedarfs an Kerosin decken – und der Wirtschaft helfen, ihre Klimaziele zu erreichen. "Der Markt ist riesig", sagt Furler. "Auch der politische und der gesellschaftliche Druck werden immer grösser. Man versteht, dass es diese Lösungen braucht." Und kluge Investoren verstünden auch, "dass man nicht in einem Tag die Welt ändert, sondern mit solider Arbeit über Jahre hinweg."

Nach der Digitalisierung die nächste Welle der Innovation?

Deep Tech, da sind sich viele Beobachter einig, ist die nächste Welle der Innovation. Manches ist schon in unserem Alltag angekommen – Künstliche Intelligenz etwa, Robotik oder Drohnen –, anderes braucht wohl noch ein paar Jahre: Laborfleisch zum Beispiel, Festkörperakkus oder Quantencomputer. Zusammengenommen aber werden solche Technologien Wirtschaft und Gesellschaft ähnlich stark verändern wie die Digitalrevolution oder zuvor die Industrielle Revolution.

Martin Portincaso (Hello Tomorrow)
"Jetzt werden wir Farmer auf Ebene der Atome." Massimo Portincaso (Hello Tomorrow). Foto © Hello Tomorrow.

"Wir haben die Möglichkeit, die Welt fundamental neu zu gestalten", sagt Massimo Portincaso, Chairman der auf Deep Tech spezialisierten Organisation Hello Tomorrow. Für den ehemaligen BCG-Berater ist es, "als ob sich der Kreis schliesst": Die Industrielle Revolution, erklärt er, habe vor allem auf dem Ausnutzen von Naturschätzen basiert – dem Fördern von Erdöl, Gas und Kohle, dem Herunterbrechen von Rohstoffen, damit sie mit viel Energie zu Produkten weiterverarbeitet werden können.

Dann kam die digitale Revolution, mit ihrer Wertschöpfung durch Bits und Bytes. Und jetzt, so Portincaso, erlaubten es neuartige Verfahren wie 3D-Druck, synthetische Biologie und Nanotechnologie, auf Ebene einzelner Moleküle zu arbeiten. "Wir können vom Kleinen aufs Grosse kommen."

Das Grundprinzip der industriellen Produktion wird damit auf den Kopf gestellt. In Konsequenz sei das "vergleichbar mit dem Wechsel der menschlichen Gesellschaft von Jägern und Sammlern zur Landwirtschaft", erklärt Portincaso. "Bisher hatten wir eine Gesellschaft, die Jagd auf Ressourcen gemacht hat. Und jetzt werden wir Farmer auf Ebene der Atome. Statt Landwirten sind wir Atomwirte."

Kann Europa wieder aufschliessen?

Für Europa, traditionell stark in der Forschung, ergibt sich daraus eine neue Chance, bei der Gestaltung der Zukunft vorn dabei zu sein. "Die Möglichkeit ist da, anders als beim Digitalwandel, wo Europa komplett den Zug verpasst hat", sagt Portincaso. Allerdings müsse der Kontinent sich anstrengen. Noch immer fehle Europa ein starkes Ökosystem für Innovationen, warnt der Hello-Tomorrow-Chairman, auch beim Wagniskapital sieht er Nachholbedarf.

Lightrock-Expertin Mariam Kremer zeigt sich optimistischer. "Die USA und China sind zwar weiter", räumt sie ein, aber nirgendwo wachse die Zahl der Deep-Tech-Investitionen so rasant wie in Europa. Auch das Knowhow in der Szene nehme deutlich zu: "Man merkt jetzt, VCs wollen mehr Ingenieure anstellen, nicht nur Finanzexperten", sagt sie. Wer Erfolg haben will, muss ein tiefes Verständnis der Technologie mitbringen, um das Risiko einzuschätzen, denn reine Marktanalysen genügen nicht mehr.

Lilium CEO Daniel Wiegand
"Tue ich etwas Sinnvolles?"  Lilium CEO Daniel Wiegand zu seinem Antrieb. Foto © Lilium.

Auch in die Senkrechtstarter aus München hat Lightrock investiert. "Lilium ist für uns eine Impact-Lösung aufgrund der CO2-Reduzierung, der Verminderung des Verkehrsaufkommens und der Kostenreduktion", erklärt Kremer. Das passe genau zum eigenen Anspruch, in Startups zu investieren, "die ökonomischen, sozialen und ökologischen Einfluss auf die Gesellschaft haben".

Die Münchner Überflieger planen als nächsten Schritt den Börsengang an der Nasdaq, mit einem Firmenwert von 3,3 Milliarden Dollar. Doch Geld, beteuert CEO Daniel Wiegand, sei kein wesentlicher Antrieb für ihn: "Wenn Sie mich fragen, was motiviert mich", erklärt er, "dann ist es an erster Stelle der Purpose der Firma: Tue ich etwas Sinnvolles? Für die Welt, für die Gesellschaft?"

Skeptikern, die am Sinn von Flugtaxis zweifeln, hält Wiegand die vielen Vorteile entgegen, die das neuartige Konzept biete: Ein Elektro-Jet, der senkrecht starten und landen kann, sei "eigentlich das umweltfreundlichste Verkehrsmittel", erklärt der Ingenieur. "Denn es ist emissionsfrei, sehr schnell und effizient, und es braucht keine Infrastruktur am Boden außer dem Start- und Landeplatz."

Anders als viele Mitbewerber will Lilium weder innerstädtisch fliegen, noch auf Zuruf Passagiere befördern: Beides sei zu ineffizient, erklärt Wiegand. Stattdessen wollen die Münchner nach dem Shuttle-Prinzip Städte bedienen, die bisher keine adäquate Anbindung haben. Die Kosten sollen anfangs bei etwa zwei Euro pro Kilometer liegen, sagt Wiegand, "ähnlich wie bei einem Taxi am Boden", später auf 50 Cent fallen: "Wir gehen davon aus, dass wir mittelfristig den gleichen Preis pro Kilometer erreichen wie ein privates Auto."

Auch das ist wieder so ein ehrgeiziges Ziel, das sich nur mit Deep Tech erreichen lässt: Teil der Rechnung ist die Erwartung, dass Künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit autonomes Fliegen ermöglichen wird – und "wenn man den Piloten nicht mehr braucht", sagt Wiegand, "fallen 30 Prozent der Kosten weg."

Titelbild © Lilium.

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